Freitag, 22. September 2023

 


Im Nordschwarzwald gab es Saumpfade, die man heute aber nicht als Verbindungswege bezeichnet würde, außer der Strecke Paris – Wien durch das Renchtal, Oppenauer Steige, Kniebis, Freudenstadt sowie die „alte Weinstraße“ rechts der Murg von Gernsbach, Loffenau, Besenfeld nach Freudenstadt. Die Bäche außer Murg und Enz auf denen Scheitholzflößerei betrieben wurde, eignet sich kaum zum Langholzflößen. Um aber das „Grüne Gold“ des Waldes nutzen zu können, wurden im 19. Jahrhundert Holzabfuhrwege gebaut, um das Holz abtransportieren zu können.

1815 wurden Holzabfuhrwege zum Ruhestein einmal von Baiersbronn, 1817/18 im Achertal von Seebach gebaut. 1839 wurden Verbindungen durch das Hundsbachtal zum Hundseck, durch das Bühlertal zum Sand, von dort 1853 nach Herrenwies und 10 Jahre später nach Raumünzach gebaut. An den Passhöhen der Wasserscheide zwischen Murg und Rhein am Sand, Hundseck, Untersmatt, Ruhestein und Kniebis entstanden Schutzhütten, die sich zu einfachen Buschwirtschaften, dann zu Gasthäusern entwickelten.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurden damals die einzelnen Häuser verbindenden Forstwege ausgebaut. Teilweise trieben die Kurhäuser mit eigenen Finanzmitteln den Ausbau der Straße voran. So führte der sogenannte „Chaisenweg“ von Baden-Baden über den Plättig zum Sand, um den Adel und regierenden Fürstenhäuser auf die Höhengebiete zu kutschieren. Das Vordringen des Automobils auf den weiteren Holzabfuhrwegen versuchten die Gemeinden zu verhindern, in dem die Waldarbeiter Gräben ziehen mussten, um die Weiterfahrt zu behindern. Aber der Sog der Höhenhäuser, die sich zu Kurhäuser weiter entwickeltet hatten, war zu stark, die Motorisierung durch die Omnibusse zu weit fortgeschritten. Um 1930 wurde der Wanderweg zum Mummelsee für Personenfahrzeuge als Schotterstraße ausgebaut, die dann bis zum Ruhestein weitergeführt wurde. Zwischen 1934 und 1937 war die Strecke von Baden-Baden bis zum Ruhestein geteert, damit winterfest gemacht und überall auf 6 m verbreitert worden.

 

Bereits in den 20er Jahren versuchten die Hoteliers, eine Fortsetzung der Straße über den Schliffkopf zum Kniebis durchzusetzen, um eine Anbindung an die Verbindungsstraße Freudenstadt – Oberkirch zu bekommen. Die 1933 vorgenommene Planung einer Straßenverbindung zwischen Ruhestein und Alexanderschanze stieß auf vehementen Widerstand wegen des 1938 erklärten Naturschutzgebietes um den Schliffkopf, der ebenfalls nur auf einem Wanderweg zu erreichen war. Wenige Wochen später am 1.10.1038 wurde Dipl Ing Autenrieth mit dem Ausbau einer Straße für militärische und touristische Zwecke entlang des Schwarzwaldhauptkammes beauftragt. Nur unter größten Schwierigkeiten war es möglich, die Trassierung der Straße direkt über den Schliffkopf auf der badischen Seite zu verhindern sondern der Landschaft angepasst auf der Rückseite über württembergisches Gebiet zu führen. Das war nur der Organisation Todt im 3. Reich möglich, sich über alle Gesetze und Widerstände hinwegzusetzen und die geschotterte Straße vom Kniebis her bis 1942 fertigzustellen. In jenem Naturschutzgebiet entstand dann das Führerhauptquartier für den Frankreichfeldzug.

 

Die Schwarzwaldhochstraße wurde erst ab 1950 geteert, verbreitert und in der derzeitigen Form ausgebaut. Leider haben von den Hotels Bühler Höhe, Plättig, Sand, Hundseck, Untersmatt, Ruhestein, Zuflucht, Alexanderschanze und Lamm auf dem Kniebis bis auf Berghotel Mummelsee und Schliffkopfhotel alle ihre Geschichte ausgeschrieben.


Der Zuspruch des Fremdenverkehrs auf die berühmteste Straße des Schwarzwaldes, Schwarzwaldhochstraße, ist so stark, dass im Sommer teilweise der Motorradverkehr ganz gesperrt und vom PKW-Verkehr nur eine bestimmte Anzahl von PKWs und Bussen pro Tag die Zufahrt erlaubt wird. 

Schliffkopf Hotel


 

 

Freitag, 15. September 2023

Was verbirgt sich hinter Bad Ettenheimmünster, das kein Bad war?


Die Benediktinerabtei Ettenheimmünster lag 500 m östlich der heutigen Pfarrkirche St Landelin in Ettenheimmünster. Sie war niemals Klosterkirche, da 1804 erbaut. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden sämtliche Klostergebäude nach und nach abgerissen.

Die Gründung des Klosters liegt im Legendenbereich. Der irische Mönch Landelin soll 640 an Stelle der heutigen Landelinsquelle von einem heimischen Jäger ermordet worden sein. An jener Stelle sprudelten daraufhin 4 Quellen aus dem Boden. Ein blindes Mädchen, das mit dem Blut von Landelin in Berührung kam, war sehend geworden, als es mit dem Blut des Märtyrers die Augen berührte. Seither wurde dem Wasser des Landelinsbrunnen wunderbare Heilkraft zugesprochen. Angeblich soll Bischof Etto aus Straßburg 763 das Kloster gegründet haben. Aber auch das ist nicht urkundlich gesichert. Urkundengemäß berichtet die erste nicht gefälschte Urkunde vom Kloster Ettenheimmünster im 12. Jahrhundert.

Die Heilkraft der Landelinsquellen führte bald zu Wallfahrten, denn die Mönche hatten bei der Quelle im 9. Jahrhundert eine Wallfahrtskirche errichtet. Die vielen frommen Wallfahrer folgten den beschriebenen Wunder und suchten Heilung oder Linderung von ihren Leiden. Selbst Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden wurde 1711 von schwerem Leiden geheilt. Das Kloster bot den vielen Pilgern von allen Zeiten her Beherbergung und Bewirtung in einem Meierhof und zwei weiteren Häusern an. Um das Wasser der Landelinsquelle als Bädern benutzen zu können, erbaute das Kloster 1684 ein Badhaus in der Nähe der Quellen, das 12 Badekämmerlein besaß, in dem Fremde von Stand das Wasser der Landelinquelle erwärmt wurde. Der arme Mann musste wie seit eh und je mit der originalen Gebirgsfrische vorliebnehmen. 1718 wurde von Abt Johann Baptist von Eck (1710-1740) ein Neubau der Klosteranlage mit einem neuen Badhaus veranlasst. Es umfasste 49 Fremdenzimmer, 17 Badkabinen mit 30 Badbütten, Speise- und Tanzsaal. Abt Landolin Flum (1774-1793) erbaute auch das „Physikat“(Ärztehaus und Apotheke), das jetzige Pfarrhaus. Wenn man bedenkt das Ganze wegen eines Wassers, das kein Mineralien besaß, kein Thermalwasser war sondern nur einfaches Gebirgswasser war.

Das Kloster wurde 1802/3 säkularisiert, die Beamten der Domänenverwaltung störte die Verquickung des Badebetriebs mit dem Landelinkult. Das Bad blieb aber nur wegen des Vorteils in dieser armen Gegen erhalten. Es wurde sogar die Straße über den Streitberg geplant, um zu einer Verkehrsachse Oberrhein-Schwaben anzuschließen. Das Bad ging durch verschieden Hände nach der Säkularisierung. 1838 und 1860 wehrte sich der damalige Badwirt, Reinbold, gegen die Beschneidung der Tanzveranstaltungen. Tanzfreiheit stehe jedem größeren Bad zu, und St Landolin sei ein großes Bad. Im Hintergrund stand für die staatliche Verwaltung wohl die Vergangenheit des Bads als Kloster. Alleine die Elsässer machten damals ein Viertel aller Gäste aus.

Einen neuen Schub für das Bad gelang mit dem Erwerb des Bads durch Leopold Geiser. Er machte sehr viel Werbung mit dem Großherzoglichen Medizinalrates Dr Offinger. Gästebringend war die Eröffnung Schmalspurbahn 1893 von Ettenheimmünster an den Rhein wegen der Elsässer Gäste. Leopold Geiser pries die 60 schön ausgestatteten Zimmer, Parkanlagen und Spazierwege neben dem reinen Quellwasser in seiner Werbung an. Mit dem Ersten Weltkrieg  fiel das Elsaß an Frankreich zurück und damit ein Viertel der zahlungskräftigen Gäste, so dass das Bad 1919 verkauft werden musste. Kurzfristig gehörte das Anwesen den Gengenbacher Franziskanerinnen. 1920 wurde oberhalb der Wallfahrtskirche ein neues Kurhaus erbaut, das aber keinen Bezug mehr zur Quelle hatte. Heute ist dies ein Alten- und Pflegeheim des Kreises Offenburg. Die Landelinsquelle sprudelt aber heute noch in der Brunnenkapelle an der Westfassade der Wallfahrtskirche St Landelin.


Ettenheimmünster, Landelinquelle




Freitag, 8. September 2023

Was verbirgt sich hinter der Holzbrücke von Bad Säckingen?


Bad Säckingen ist nicht nur bekannt durch das Fridolinsmünster, die Badquellen oder durch den „Trompeter von Säckingen“ von Joseph Victor von Scheffel. Es war durch die Lage am am Hotzenwald, dem südlichen Teil des Schwarzwalds, und dem gegenüberliegenden damaligen habsburgischen Fricktal, in dem das Chorfrauenstift St Fridolin große Besitzungen hatte, ein wichtiger Handelsplatz, von dem heute noch die längste überdachte Holzbrücke erzählt. Diese Brücke ist mit 204 m immerhin 1 m länger als die Luzerner Kapellbrücke.

Die Holzbrücke wurde 1272 erstmals in den Colmarer Annalen erstmalig urkundlich erwähnt. Sie überquerte auf 12 Holzpfeilern den Rhein und verbindet heute Bad Säckingen mit dem schweizerischen Stein am Rhein. Da mit dem großen Stadtbrand 1272 sämtliche Urkunden verbrannten, konnte eine frühere Erbauung der Brücke nicht nachgewiesen werden.

Anfänglich war die Brücke offen und verursachte der Stadt Säckingen riesige Unterhaltungskosten. Mehrfach wurde sie durch Kriege oder Hochwasser des Rheins zerstört und musste immer wieder aufgebaut werden. 1567 wurde sogar eine Trinkwasserleitung von Stein nach Säckingen auf der Brücke verlegt. Nach einem verheerenden Hochwasser wurde mit der Fertigstellung der Brücke 1590 sogar eine Brückenkapelle eingebaut. Im 30jährigen Krieg wurde sie 1633 wiederum zerstört. Nahezu 20 Jahre musste eine Rheinfähre Transport von Ware und Mensch übernehmen. Jahrelang waren eichene Pfähle im Rhein gelagert worden, um diese recht widerstandsfähig zu machen, da eine Imprägnierung unbekannt noch war .Der Neubau hielt gerade mal gut 25 Jahre  und wurde im Holländischen Krieg von französischen Truppen 1678 wieder zerstört.

Im Jahr  1799 besetzte Frankreich das linksrheinische Gebiet, 1802 wurde der Kanton Fricktal gegründet und 1803 wurde dieser von Napoleon dem Kanton Aargau zugeschlagen. Damit waren dem Kloster St Fridolin die wirtschaftliche Basis entzogen, der Stadt das Hinterland über dem Rhein entzogen. 1805 kamen ebenfalls durch Napoleons Verfügung Kloster und die Stadt Säckingen zum späteren Großherzogtum Baden.

Mitte 1920 sollte die Holzbrücke wegen ihres baulichen Zustands abgerissen werden und eine neue verkehrsgerechte Brücke entstehen. Aber 1926 wurde aus Kostengründen nur das schadhafte erste Joch saniert. Erst ab 1979 wurde die westlich gebaute Fridolinsbrücke zur Entlastung der Holzbrücke eingesetzt. Bis dahin war die Holzbrücke Bestandteil der Bundesstraße 34. Da die Hälfte der Holzbrücke auf Schweizer Gebiet liegt, ist sie trotzdem seit 1869 im deutschen Eigentum. Nur ein weißer Strich in der Mitte der Brück weist auf die Grenze hin.

Zwischen 1960 und 1963 wurden die Stützpfeiler der Brücke tiefer gegründet und durch Betonpfeiler ersetzt, da durch den Kraftwerksbau im Rhein der Wasserspiegel und Fahrrinne um 3 m abgesenkt wurde. Im Jahre 2014 wurde durch Zufall bekannt, dass die Pfeiler der Brücke mit TNT-Sprengstoff bestückt waren. Im Kriegsfall hätte die Schweizer Armee nur Zünder einsetzen müssen, um die Brücke zu sprengen.

Freitag, 1. September 2023

Was verbirgt sich hinter der Flößerei im Nordrach- und Harmerbacherstal?

Flößerei im Nordrachtal

Das Kinzigtal mit seinen Zuflüssen Wolf und Schiltach gehörte sicherlich zu den wichtigsten Floßstraßen neben Murg, Enz und Nagold im Schwarzwald. Unendlich viele Flöße versorgten den immensen Holzbedarf der Großstädte für die Dachstühle ihrer Häuser und Kirchen entlang des Rheins an Bau- und Brennholz, Amsterdam brauchte Holz für den Hafen- und Flottenausbau.

 

Was lag da näher, die riesigen Wälder des Mooswaldes und des Löcherberges für die Flößerei zu nutzen? Nachteilig erwies sich, dass es im Nordrach- und Harmersbachtal keine Schifferzünfte und Floßgilden wie in Wolfach oder Schiltach gebildet hatten und auch kein der Murgschifferschaft ähnlicher Zusammenschluss der Holzbauern hier zustande kam. Das war sicherlich deswegen nicht möglich, da große Teile des Mooswaldes und des Nordrachtales bis 1803 zum Kloster Gengenbach gehört hatten. Die Bewohner der Höfe und Glasbläser, Holzhauer und Glasträger waren Leibeigenen des Klosters. Hier die Abhängigen des Klosters im Nordrachtal dort im Harmersbachtal die freien Reichstalbauern.

 

Seit 1695 gab es eine Glashütte und 1750 eine Blaufarbenfabrik im Dörrenbach des Klosters Gengenbach. Zwar versuchte der Abt des Klosters auch an der Flößerei auf der Nordrach mit Erfolg teilzunehmen, wie es die freien Reichstalbauern auf dem Harmersbach schon lange taten. Aber in den Wäldern „der Moos“ gerieten sehr schnell zwei Konkurrenten aneinander. Die Holzhacker der Glashütte wehrten sich gegen die neue Konkurrenz der Flößer. Glashütte und Blaufarbenfabrik und später ab 1807 die Steingutfabrik in Zell hatten einen enormen Holzbedarf. Noch um das Jahr 1800  wird geklagt, dass die Nordracher Talstraße so schlecht war, dass sie nicht ohne Gefahr für Vieh und Fuhrmann befahren werden konnte und dass Kisten und Fässer derart gegeneinander gestoßen werden, dass sie zerbrechen und der Inhalt verloren geht. Dies war auch nicht verwunderlich, da ab Bräunlinsberg das Tal zur freien Reichsstadt Zell gehörte und der Rest des Tales zum Kloster Gengenbach. Für den Holztransport kam deshalb fast nur der Wasserweg in Betracht; dadurch wurde die Flößerei begünstigt.

 

Im Jahre 1848 wurde für Nordrach eine allgemein geltende Floßordnung vom Großherzoglichen Obervogteiamte der Grafschaft Gengenbach erlassen. In ihr wurde versucht die aufkommenden Gegensätze zwischen Flößer und an den ebenfalls auf Wasser angewiesenen Sägewerke und Mühlen zu lösen. Die Flößerei benötigte Schwallungen, um das notwendige Wasser für die Flöße zu bekommen, dagegen wehrten sich die Sägewerke und Mühlen, weil ihnen das Wasser zum Antrieb der Mühlräder fehlte. Die Stempel der Flöße seit dem 17. Jahrhundert zum Verlangsamen oder Anhalten der Flöße üblich, zerstörten Furteinrichtungen und schädigte die Fischerei. Die Kinzigfloßordnung schrieb aber seit 1867 mindestens drei Sperren für Flöße von 1600 Fuß Länge vor. Die Nordracher Flöße waren natürlicher viel kürzer und wurden erst in Biberach zu größeren Einheiten zusammengebunden. Spätestens in Willstätt mussten die Flöße an die Kinzigschiffer übergeben und zu größeren Einheiten zusammengebunden werden.

 

Transportiert wurde auf den Flößen als Oblast: Bretter, Balken, Latten, Schindeln, Eichenrinde, Terpentin, Holzasche, Hopfenstangen, Rebstecken, Kobaltfarbe, Pottasche. 1806 setzte die Forstwirtschaft dem Raubbau der Flößer ein Ende, da das zu schlagende Holz von der Forstbehörde angewiesen wurde. 1868 erwuchs der Flößerei dem Nordrach- und Harmersbachtal ein unwiderstehlicher Feind- die Eisenbahn. 1868 wurde das letzte Floß eingebunden. Geblieben ist beiden Tälern eine Vielzahl von Sägewerken, die an die verflossene Zeit der Flößerei erinnern.

Flößer 1868 auf dem Harmersbach


Freitag, 25. August 2023

Was verbirgt sich hinter dem Eisenbahnanschluss von Lahr?


Mitte des 19. Jahrhunderts leitete die Eisenbahn eine enorme Umwälzung im Verkehrswesen ein. Die Manufakturen und Fabrikationsbetriebe konnten plötzlich an die „große Welt“ angeschlossen werden. So auch Lahr mit seinen Tabak-, Schächtele- und Etuimanufakturen sowie Druckereien, denn 1838 wurde der Bau einer Eisenbahn von Mannheim, Karlsruhe, Offenburg, Dinglingen, Freiburg bis zur Schweizer Grenz beschlossen. Lahr war damals Amts- und Garnisonsstandort. Bevor die Schwarzwaldbahn 1866 begonnen war, wurde der Verkehr im Kinzigtal von Biberach über den Schönberg nach Lahr und nicht über Offenburg abgewickelt.

Das Problem war nur, Lahr am Eingang des Schuttertals gelegen und hinter dem Schutterlindenberg versteckt, lag gut 3 km von Dinglingen mit seinem Bahnhof entfernt. Warum sollte die bolzengerade projektierte Bahnstrecke in der Rheinebene nicht einen Schlenker nach Lahr machen? Denn auf der Welt gibt es nur 3 Arten von Menschen: “Männle, Wieble und Lohrer!“ Aber alle Vorschläge den Schutterlindenberg mit seinen 300 m Höhe zu umfahren oder zu untertunneln waren technisch möglich aber zu teuer. Der Referent der Regierung stellte lakonisch fest, dass die Lahrer sich bei ihren Vorfahren beschweren sollten, dass sie damals die Siedlung nicht zugleich an der künftigen Bahnlinie gegründet hätten, denn selbst ein Kopfbahnhof Lahr war anfänglich als zumutbar angesehen worden.

Als alles Jammern und Eingaben zur Verlegung der Hauptbahnlinie erfolglos blieben, beschäftigte Lahr 1862 sich mit dem Bau einer Seitenlinie als Zubringer nach Dinglingen. Aber auch da ging gleich das Gezerre los, denn die Direktion der Großherzoglichen Verkehrsanstalten wies nach, dass die Einnahmen die Betriebskosten decken würden aber nicht die Verzinsung. Die Tarife des Transports müssten so erhöht werden, dass der Transport auf der Straße billiger wäre. Aber nach langen Verhandlungen und Eingaben wurde die Seitenbahn als Straßenbahn 1864/65 gebaut, nachdem die Stadt und die Industriebetriebe erhebliche Zuschüsse gegeben hatten. Der Bahnhof befand sich auf dem heutigen Friedrich-Ebert-Platz. Die Bahnlinie wurde dann 1906 verstaatlicht.

Von 1908 bis 1911 wurde ein neuer Bahnhof Lahr-Stadt geplant und gebaut, da sich Lahr immer mehr nach Westen ausdehnte. Zuvor waren nochmals ernsthafte Versuche unternommen worden, eine Verlegung der Eisenbahnlinie zu erreichen, um die Bahnlinie näher an Lahr zu verlegen oder den Bahnhof näher an die Stadt zu bekommen, auch wenn der Bahnhof am der Gemarkungsgrenze von Dinglingen liegen würde. Aber laut Generaldirektion standen die Kosten in keinem vernünftigen Verhältnis zu den gewonnen Vorteilen. Auch Dinglingen wehrte sich mit einer Eingabe, den Bahnhof näher an Lahr zu rücken, da die bisher angesiedelte Industriebetriebe auf den zentralen Bahnhof gesetzt hätten. Das Problem, das schon 1842 mit einer Eingemeindung von Dinglingen- allerdings mit staatlichem Zwang- hätte gelöst werden können, wurde 1972 mit der Eingemeindung gelöst. Wenn der Bahnhof nicht zur Stadt kam, entwickelte sich die Stadt eben zum Bahnhof. Lahr hatte damit endlich das Ziel erreicht, einen eigenen Hauptlinienanschluss zu haben.

Lahr Kaiserstraße 1902



Samstag, 12. August 2023

Was verbirgt sich hinter dem Furtwanger Dr Duffner?

Dr Josef Duffner

In jener Zeit des 18. Jahrhunderts fand im Hochschwarzwal und damit auch in Furtwangen ein wirtschaftlicher Wechsel statt: Nicht mehr die Bauerngeschlechter waren die tragende Säulen der Wirtschaft, sondern die Strohflechterei, später das Uhrengewerbe waren im Vormarsch aber auch die verschiedenen Handwerke ließen sich nieder. In dieser Zeit des Umbruchs wurde Ignatz Duffner (1766-1842) geboren, der mit seiner Frau Agathe (1765-1840) 5 Mädchen und 3 Söhne aufzog. Er war von Beruf Materialist –heute würde man Drogist sagen, da er mit Arzneien, Drogen und Farben handelte. Er war im Zeichen des Wandels der erste Dorfvogt, der nicht aus einem bäuerlichen Geschlecht kam.

Über den Werdegang der Familie ist wenig bekannt. So taucht einer der Söhne als Dr Josef Duffner (1797-1865) im amtlichen Schriftverkehr auf, was auf ein Medizinstudium an einer Universität hinweist. 1929 erhielt der praktizierende Arzt Dr Duffner das Bürgerrecht von Furtwangen und heiratete im gleichen Jahr Theresia Fackler aus  Simonswald, mit der er 8 Kinder hatte. Aber nicht nur als Arzt wurde er in Furtwangen bekannt sondern auch als Unternehmer, Stadtplaner und heute würde man sagen – Lobbyist.

1847 konnte Dr Duffner zum Vorsitzenden des Uhrengewerbevereins für  vier Jahre gewonnen werden, deren Ziel die Uhrmacherschule in Furtwangen sein sollte. Der praktische Arzt war damals schon eine bekannte, beliebte Persönlichkeit im Schwarzwald. Zusätzlich konnte 1850 Robert Gerwig als Leiter der Uhrmacherschule gewonnen werden. Die damals ausgebildeten Taschenuhrmacher fanden aber kein geeignetes Betätigungsfeld, da es noch keine selbstständigen Unternehmer gab, die Taschenuhren serienmäßig herstellten. Hier machte Dr Duffner aus der Not eine Tugend, denn als Vorsitzender des Gewerbevereins gründete er 1853 mit weiteren Furtwanger die „Aktiengesellschaft für Taschenuhr Fabrikation in Furtwangen“. Dass auch nichts schief ging, übernahm er im Verwaltungsrat der Gesellschaft den Vorstandsposten.

Als Robert Gerwig 1856 um seine Entlassung von der Uhrmacherschule bat, da er sich um den Bau der Schwarzwaldbahn kümmern wollte. Da beabsichtigte die Regierung in Karlsruhe, die Uhrmacherschule aufzulösen. Unter anderen bewirkte die Bittschrift von Dr Duffner, dass dies nicht realisiert wurde, denn die Taschenuhrfabrikation konnte nur mit der tatkräftigen Unterstützung der Uhrmacherschule erfolgreich weiterbestehen.

Im gleichen Jahr erreichte er als Vorsitzender des Uhrengewerbevereins die Gründung einer Strohflechtschule, um die Beschäftigungslage dieser Hausgewerbes zu verbessern. Die erste Leiterin wurde die bekannt Cölestine Eisele.

1853 war es Gerwig gelungen mit Unterstützung von Dr Duffner und weiteren Gewerbetreibenden einen Gewerbeverein zu gründen, um die aufkommende Wandlung von der Manufaktur zum Industriebetrieb zu fördern und zu unterstützen.

1857 wurde Furtwangen von einem fürchterlichen Stadtbrand heimgesucht. Zuvor zeigte sich schon der Weitblick von Dr Duffner mit seiner Eingabe an das Bürgermeisteramt der Aufstellung eines Orts- bzw Bauplans für Furtwangen. Wenn sich in Furtwangen Industrie wie die Herstellung von Uhrenkästen entwickeln oder ansiedeln sollte, müssen geeignete Bauplätze her. Aber die Umsetzung stieß dann doch auf gewisse Schwierigkeiten, denn auch Dr Duffner wollte sein Haus am Marktplatz wieder auf die alten Fundamente setzen, denn es war viel billiger als ganz neu anzufangen. Damit war die Vergrößerung des Marktplatzes ausgeschlossen.

Mit 63 Jahren gründete der umtriebige Geist 1860 mit seinen beiden Söhnen Gustaf und Oskar die erste Strohhutfabrik in Furtwangen, nachdem er nach Unterlagen des Stadtarchivs schon seit 20 Jahren mit Strohflechtartikel handelte. Dies war im leicht möglich durch seine verwandtschaftliche Beziehung zur weltbekannten Strohhutgesellschaft Faller & Tritscheller  Cie in Lenzkirch.

Colestine Eisele-Kirner




Furtwangen 1850

Freitag, 4. August 2023

Was verbirgt sich hinter der Phonoindustrie von St Georgen?

Christian Steidinger

St Georgen und seine Umgebung war seit jeher ein wichtiger Ort für die Uhrenindustrie. In der Heimindustrie wurden zusätzlich Uhren, Uhrenteile und Werkzeuge hergestellt. 1873 kam Christian Steidinger auf die Welt, dessen Vorfahren tüchtige Werkzeugmacher im Stockwald zwischen Unterkirnach und St Georgen waren. Er baute in St Georgen erfolgreich eine eigene Werkstatt auf und gründete 1907 mit seinem Bruder Josef die „Gebrüder Steidinger für Feinmechanik“. In aller Munde kamen die Brüder als sie auf der Leipziger Frühjahrsmesse ein Grammaphonlaufwerk vorstellten. Daraufhin brach eine Auftragsflut über das Unternehmen herein. Doch der Erfolg hat immer zwei Gesichter, die Brüder trennten sich 1911: Christian entwickelte sich zu „Dual“, Josef zu „Perpetuum“ später zu „Perpetuum Ebner (PE)“.

Der Siegeszug der Schallplatte verlangte immer mehr nach Grammaphonen. Der Ausbau und die Expansion der Werke in St Georgen konnte kaum Schritt halten, vor allem nachdem Christian Steidinger einen Grammaphonantrieb mit Federlaufwerk und Elektromotor entwickelte. Dazu kam ein magnetischer Tonabnehmer und vollautomatischer Ausschaltung als eine Einheit. Daher der spätere Namen „Dual“-Plattenspieler. Die Söhne Oskar und Siegfried führten nach dem Ausscheiden vom Vater 1936 das Unternehmen zur Weltgeltung.

Aber auch „PE“ profitierte von der immensen Nachfrage nach Grammaphonlaufwerken und entwickelte sich ähnlich dynamisch –groß und größer bis zum Ersten Weltkrieg- wie Dual. Die Kriegsjahre mussten durch Kriegsproduktion überwunden werden und ab 1924 fanden beide Firmen im Gegensatz zur Uhrenindustrie wieder Anschluss an die internationale Konjunktur. Die wilden Zwanziger Jahre forderten ihren Tribut, überall tönten Grammaphone für die Laufwerke produziert werden mussten. In St Georgen schossen die neuen Produktionsstätten von „Dual“ und „PE“ wie Pilze aus dem Boden. Dies wiederholte sich ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg ab 1949 wurde im Dreischicht-Betrieb gearbeitet. Um die Fortschritt der Technik aufzuzeichnen: Die Auflagekraft der Tonabnehmer reduzierte sich von 100 g auf 6 g. Weiter Meilensteine war die Einführung der Sterophonie. Immer weitere Industriegebiete mussten erschlossen werden, um die wachsenden Werke unterzubringen.

1971 hatten beide Unternehmen fusioniert und unter dem gemeinsamen Namen „Dual“ expandiert, denn die Elektronik verschärfte den internationalen Wettbewerb. In 11 Werken wurden mit über 3.000 Mitarbeitern die Hifi-Produkte für den internationalen Markt produziert. Doch offensichtlich wurde das Rad überdreht, denn die japanischen Marken waren technisch erfolgreicher. 1981 erfolgte der größte Schlag für St Georgen, denn Dual meldete Konkurs mit 150 Mio Schulden an. Von den damals 1.800 Mitarbeiter in St Georgen wurden 1982 nur 200 von dem französischen Staatskonzern „Thomsen-Brandt“ übernommen. 1988 ging der traurige Rest an die „Schneider Elektronics GmbH“.

Was ist heute von der einstigen Weltfirma übrig geblieben. Alfred Fehrenbach, ein begnadeter Techniker und Tüftler, kaufte 1993 die Plattenspielerproduktion von „Schneider Electronics“ und stellt unter „Dual Phono GmbH“ -heute „Dual GmbH“- wieder erfolgreich Plattenspieler her.

Die schon verschwunden geglaubte Schallplatte erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance. Dies war Grund genug für Wolfgang Epting und Hans Uwe Lorius die schlafenden Quellen und Resourcen in St Georgen wieder aufzugreifen, um Musikgenuss von allerhöchsten Qualität zu produzieren. Der erste Messeauftritt 2015 auf der „High End“ in München gab den Tüftlern in St Georgen Recht.

Josef Steidinger