Wer von Bad Rippoldsau Klösterle vom Wolftal die kurvenreiche L 404 nach Freudenstadt fährt, kommt nicht nur von Baden nach Württemberg sondern oben auf der Höhe ca 8 km vor Freudenstadt im großen Waldgebiet auf eine kleine Rodungsinsel: “Zwieselberg” steht auf dem Ortsschild. Wenige Wohnhäuser, kleine bis mittlere Pensionen, allerdings auch ein Hotel und eine kleine Fachklinik, ein kleines Kirchlein machen einen gepflegten, parkartigen Eindruck. Der idyllische Ort setzt sich aus Ober- und dem wesentlich kleineren Unterzwieselberg (4 Häuser) mit insgesamt 70 Einwohnern zusammen.
Was veranlasst Menschen in dieser Waldabgeschiedenheit sesshaft zu
werden? Während im ältesten Kartenwerk des Herzogtums Württemberg, dem” Gadner
Atlas von 1592” am oberen Ende der Rippoldsauer Steige, auf württembergischen
Gebiet “Priorwald” eingetragen ist, wird der heutige Zwieselberg in den “Schmittschen
Karten von 1797” als “Pfaffenwald” bezeichnet. Und genauso war es, in einem
1486 geschlossenen Tauschvertrag zwischen den Geroldsecker und Schenkenzell
sowie dem Rippoldsauer Prior kam der Wald in den Besitz des Rippoldsauer
Nikolai-Klosters. So kam württembergisches Land in fürstlich fürstenbergischen
Besitz.
Seit jeher fristeten in den unwegsamen, riesigen Waldungen
Glasmacher, Pottaschesieder, Harzer und Köhler ihr Dasein. Der steigende
Holzbedarf führte auch im oberen Quellgebiet der Kinzig zur Flößerei. War ein
Waldteil kahlgeschlagen, mussten die Holzfäller weiterziehen, denn eine
Ansiedlung war nicht gestattet. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts besiedelten
einige Österreicher dieses Gebiet in unmittelbarer Nähe der Landesgrenze. Ob
sie vom Kloster angeworben wurden oder sich zufällig niederließen, ist nicht überliefert.
Ganz im Gegensatz zu den Holzfällern beteiligten sich die Zwieselberger
Kolonisten an den Waldarbeiten, betrieben aber nebenher etwas Landwirtschaft für
den Eigenbedarf. Durch den ständig steigenden Holzkohlebedarf der Christophtaler
Hüttenwerke konzentrierte sich die Siedler in und um den Pfaffenwald auf die
Produktion von Holzkohle. In einer Karte von 1674 wurde bereits der Pfaffenwald
als “Rippoldsauer Kohlwald” bezeichnet.
Durch die zwischen dem Rippoldsauer Priorat und den Siedlern
geregelten Verhältnisse blieben die Waldarbeiter in der Einsamkeit des
Zwieselbergs von jeder weltlichen Obrigkeit unbehelligt. Sie waren über
Jahrzehnte weder politisch noch verwaltungsmäßig einer bestimmten Gemeinde
zugeordnet. Dies änderte sich, als der Oberamtmann und Klosterverwalter
Friedrich Diez aus Alpirsbach 1734 von der Siedlung erfuhr. Er war der Ansicht,
das Kloster Rippoldsau habe zwar Holzrechte im Pfaffenwald, nicht aber
Hoheitsrechte. Sie seien württembergischen Untertanen und damit Alpirsbach
zinspflichtig. Er verlangte 1734/35 eine Erbhuldigung aller männlichen
Einwohnern. Der Prior dagegen drohte den Bewohnern im Falle der Erbhuldigung
Aufkündigung der Wohnplätze und Vertreibung. Es kam wie es kommen musste: Die
Männer von Unterzwieselberg nahmen die Huldigung vor, die Männer von
Oberzwieselberg blieben dieser fern. Das Forstamt Freudenstadt war für die
Auflösung, da die Siedlung die Jagd behindere und den Wilderer nur Unterschlupf
gewähren würde. Die herzogliche Regierung schlug die Auflösung der Siedlung
vor, denn damit wäre der ganze Streit gelöst. Der Alpirsbacher Oberamt
plädierte für den Verbleib, da die Bewohner seit über 40 Jahren ein Wohnrecht
erworben hätten. Die Zwieselbewohner hatten schnell erkannt, am besten wäre es
das Problem einfach auszusitzen.
Die württembergischen Einwohner von Zwieselberg waren Katholiken
obwohl die Württemberger evangelisch waren. Deswegen mussten die Kinder nach
Bad Rippoldsau zum Schul- und Pfarrunterricht hinab steigen. Erst 1859 gab es
die Möglichkeit einer katholischen Kirche und Unterricht in Freudenstadt.
Zugezogene evangelischen Kinder mussten aber noch 2 1/2 Stunden bis 1873 hinab
nach Reinerzau laufen, da der Zwieselberg Reinerzau verwaltungsmäßig
zugeschlagen worden waren. Erst Jahre später war für sie ein Schulbesuch in
Freudenstadt möglich. 1937 erhielt Zwieselberg eine katholische Kirche 1926
wurden die Zwieselberger nach langem Drängen nach Freudenstadt eingemeindet:
Als “Freudenstadt Parzelle Zwieselberg”.
