Freitag, 31. Juli 2026

Was verbirgt sich hinter dem vergessenen Zwieselberg?


Wer von Bad Rippoldsau Klösterle vom Wolftal die kurvenreiche L 404 nach Freudenstadt fährt, kommt nicht nur von Baden nach Württemberg sondern oben auf der Höhe ca 8 km vor Freudenstadt im großen Waldgebiet auf eine kleine Rodungsinsel: “Zwieselberg” steht auf dem Ortsschild. Wenige Wohnhäuser, kleine bis mittlere Pensionen, allerdings auch ein Hotel und eine kleine Fachklinik, ein kleines Kirchlein machen einen gepflegten, parkartigen Eindruck. Der idyllische Ort setzt sich aus Ober- und dem wesentlich kleineren Unterzwieselberg (4 Häuser) mit insgesamt 70 Einwohnern zusammen.

Was veranlasst Menschen in dieser Waldabgeschiedenheit sesshaft zu werden? Während im ältesten Kartenwerk des Herzogtums Württemberg, dem” Gadner Atlas von 1592” am oberen Ende der Rippoldsauer Steige, auf württembergischen Gebiet “Priorwald” eingetragen ist, wird der heutige Zwieselberg in den “Schmittschen Karten von 1797” als “Pfaffenwald” bezeichnet. Und genauso war es, in einem 1486 geschlossenen Tauschvertrag zwischen den Geroldsecker und Schenkenzell sowie dem Rippoldsauer Prior kam der Wald in den Besitz des Rippoldsauer Nikolai-Klosters. So kam württembergisches Land in fürstlich fürstenbergischen Besitz.

Seit jeher fristeten in den unwegsamen, riesigen Waldungen Glasmacher, Pottaschesieder, Harzer und Köhler ihr Dasein. Der steigende Holzbedarf führte auch im oberen Quellgebiet der Kinzig zur Flößerei. War ein Waldteil kahlgeschlagen, mussten die Holzfäller weiterziehen, denn eine Ansiedlung war nicht gestattet. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts besiedelten einige Österreicher dieses Gebiet in unmittelbarer Nähe der Landesgrenze. Ob sie vom Kloster angeworben wurden oder sich zufällig niederließen, ist nicht überliefert. Ganz im Gegensatz zu den Holzfällern beteiligten sich die Zwieselberger Kolonisten an den Waldarbeiten, betrieben aber nebenher etwas Landwirtschaft für den Eigenbedarf. Durch den ständig steigenden Holzkohlebedarf der Christophtaler Hüttenwerke konzentrierte sich die Siedler in und um den Pfaffenwald auf die Produktion von Holzkohle. In einer Karte von 1674 wurde bereits der Pfaffenwald als “Rippoldsauer Kohlwald” bezeichnet.

Durch die zwischen dem Rippoldsauer Priorat und den Siedlern geregelten Verhältnisse blieben die Waldarbeiter in der Einsamkeit des Zwieselbergs von jeder weltlichen Obrigkeit unbehelligt. Sie waren über Jahrzehnte weder politisch noch verwaltungsmäßig einer bestimmten Gemeinde zugeordnet. Dies änderte sich, als der Oberamtmann und Klosterverwalter Friedrich Diez aus Alpirsbach 1734 von der Siedlung erfuhr. Er war der Ansicht, das Kloster Rippoldsau habe zwar Holzrechte im Pfaffenwald, nicht aber Hoheitsrechte. Sie seien württembergischen Untertanen und damit Alpirsbach zinspflichtig. Er verlangte 1734/35 eine Erbhuldigung aller männlichen Einwohnern. Der Prior dagegen drohte den Bewohnern im Falle der Erbhuldigung Aufkündigung der Wohnplätze und Vertreibung. Es kam wie es kommen musste: Die Männer von Unterzwieselberg nahmen die Huldigung vor, die Männer von Oberzwieselberg blieben dieser fern. Das Forstamt Freudenstadt war für die Auflösung, da die Siedlung die Jagd behindere und den Wilderer nur Unterschlupf gewähren würde. Die herzogliche Regierung schlug die Auflösung der Siedlung vor, denn damit wäre der ganze Streit gelöst. Der Alpirsbacher Oberamt plädierte für den Verbleib, da die Bewohner seit über 40 Jahren ein Wohnrecht erworben hätten. Die Zwieselbewohner hatten schnell erkannt, am besten wäre es das Problem einfach auszusitzen.

Die württembergischen Einwohner von Zwieselberg waren Katholiken obwohl die Württemberger evangelisch waren. Deswegen mussten die Kinder nach Bad Rippoldsau zum Schul- und Pfarrunterricht hinab steigen. Erst 1859 gab es die Möglichkeit einer katholischen Kirche und Unterricht in Freudenstadt. Zugezogene evangelischen Kinder mussten aber noch 2 1/2 Stunden bis 1873 hinab nach Reinerzau laufen, da der Zwieselberg Reinerzau verwaltungsmäßig zugeschlagen worden waren. Erst Jahre später war für sie ein Schulbesuch in Freudenstadt möglich. 1937 erhielt Zwieselberg eine katholische Kirche 1926 wurden die Zwieselberger nach langem Drängen nach Freudenstadt eingemeindet: Als “Freudenstadt Parzelle Zwieselberg”.