Freitag, 26. August 2022

Was verbirgt sich hinter den Klöstern als Glashüttenbetreiber?

Kloster St Blasien 1734
Die großen und auch bedeutenden Klöster waren nicht nur Orte des Glaubens, der Wissenschaft sondern ihre Äbte waren auch Landesherren und Unternehmer, um ihren Wohlstand zu mehreren. Über all die Jahrhunderte und Jahrzehnte waren dies sicherlich die Glashütten. Sie waren genossenschaftlich organisiert. Die Glashütte bezahlte für das Holz einen Hüttenzins, die Glasbläser arbeiteten jeweils auf eigene  Rechnung.

Abt Paul des Klosters St Peter hat 1683 im Knobelwald, eine Schlucht vom Thurner bis zur Wildgutach, eine Glashütte errichten lassen. Der Vertrag hatte eine Laufzeit von 50 Jahren, jedoch war das Holz nach 42 Jahren aufgebraucht. 1725 zogen die Glaserfamilien nach Bubenbach weiter, eine Glashütte von Bräunlingen, die 1872 aufgelöst wurde. Geblieben ist der Ort Glashütte auf der heutigen Gemarkung von St Märgen. Gegenüber der Kapelle stand die Glashütte.

Aber auch schon früher hatte das Kloster St Peter eine Glashütte nordwestlich von Waldau 1426 bis 1660 betrieben, wie der Zinken Glashöfe uns bestätigt.

Das wohl bedeutendste Kloster St Blasien hatte schon im Albtal 1424 und in Bernauer-Tal 1480 Glashütten gegründet. Aber mit Ende des 30jährigen Krieges setzte wiederum eine Gründungswelle ein. Abt Martin von St Blasien gründete im Muchenland im Blasiwald südlich des heutigen Schluchsees die erste Glashütte mit einer Laufzeit von 20 Jahren. 1622 als der Waldbestand aufgebraucht war, zogen die Glaserfamilien weiter nach Süden im Blasiwald in die Althütte. Nach 42 Jahren zogen die Familien weiter ins Windbergtal bis 1716. Ab dann erfolgte der Sprung nach Äule am Schluchsee. 1806 ging mit der Säkularisierung des Klosters die Glashütte an den badischen Staat über. 1892 wurde die Glashütte wegen Unrentabilität geschlossen. Die Johanneskapelle erinnert heute noch an die Glashütte.

Auch der Ort Glashütte westlich von Bonndorf, eine Wiedergründung des Klosters St Blasien zeugt davon, dass Abt Franciscus I eine klösterliche Glashütte von 1645 bis 1705 betreiben ließ. Nördlich davon wurde im Glaserloch bei Grünwald unweit von Kappel ab 1611 von Abt Martinus I veranlasst bis 1715 Glas geblasen, dann war das Holz aufgebraucht.

Auch im Wehratal in Todtmoos Glashütte gab es seit 1560 eine Glashütte, die 1662 unter Abt Francicus I mit dem Gebiet zum Kloster St Blasien kam und bis 1790 betrieben wurde. Dann war der Holzbestand aufgebraucht.

Aber auch im Kinzigtal betrieb das Kloster Gengenbach unter Abt Placidus ab 1695 bis 1708 im Quellgebiet des Dörrenbachs (Altglashütte) einen Glashüttenbetrieb, der zumindest lange Zeit eine Unternehmerglashütte war. Die Glasbläser waren Leibeigne.  Die Glashütte wurde von Abt Augustinus 1708 auf die westliche Seite des Moosgebiets bis 1748 zur Neuglashütte auf dem Mitteleck verlegt. Ab 1750 konnte er das begehrte Kobaltglas blasen lassen. 1776 verlegte Abt Jakob die Glashütte in den Ortsteil Nordrach Fabrik, die klösterlich war bis zur Säkularisierung des Klosters 1803/1807. Anschließen kam sie in fremde Hände und konnte sich bis 1848 unter verschiedenen Besitzer recht und schlecht selbstständig halten.

Auch das Kloster Tennenbach 1160 gegründet, hatte in Glashausen bei Reichenbach im Breitenbachtal schon 1218 und 1291 unter den Äbten Berchildus und Meinhardus von Munzingen Glashütten entstehen lassen.

Das Kloster Frauenalb betrieb mit Hilfe der Glashütte auf dem Mittelberg ab 1707 Äbtissin Maria Salome eine Glashütte Albtal an der Einmündung der Moosalb. Dort wurde beidseitig im Albtal talaufwärts die Glashütte in die jeweiligen Gebiete mit Holz verlegt. Das Moosalb-Tal war tabu, um die markgräfliche Jagd nicht zu gefährden. 1743 waren die Holzvorräte erschöpft.

Auch das Damenstift in Säckingen, deren Äbtissin Elisabeth von Bussnang 1307 in den Reichsfürstenstand erhoben, ließ 1257 in Rickenbach und 1303 in Bergalingen, heute einem Ortsteil von Rickenbach, Glashütten errichten.

Freitag, 19. August 2022

Was verbirgt sich hinter dem erfolgreichen "Furtwanger Modell"?

Joseph Koepfer 1895

Das „Furtwanger Modell“ ist ein Beispiel für eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte von tüchtigen Schwarzwälder Unternehmer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Verbunden ist dies mit drei Unternehmerpersönlichkeiten, deren Unternehmen heute noch in Furtwangen produzieren und in der ganzen Welt zu Hause sind: Benedikt Ketterer (1805-1871), Salomon Siedle (1830-1890) und Joseph Koepfer (…) Alle drei begannen Werkzeuge, Metallteile, Zahnräder und Uhrenketten für die aufstrebende Uhrenmanufakturen in Furtwangen zu produzieren. Benedikt Ketterer 1842 kam als wohlhabender junger Mann von England zurück und eröffnete eine mechanische Werkstatt in Furtwangen. (siehe: Was verbirgt sich hinter den Ketteres in Furtwangen?). Salomon Siedle 1868 kaufte die Bühlsäge und gründete 1868 die „S. Siedle & Söhne“. (siehe: Was verbirgt sich hinter dem Schwarzwälder Unternehmen „S. Siedle & Söhne“. Joseph Koepfer baute nach 10 Jahren 1877 eine Fabrik in Furtwangen und gründete mit Eintritt seiner 4 Söhne um die Jahrhundertwende die „Joseph Koepfer & Söhne“.

 

Joseph Koepfer begann 1867 im Häuschen seiner Schwiegereltern am Rößleplatz im 2. Stock der „Stube“ mit drei Schraubstöcken,  zwei Drehbänken und einer Feldschmiede in der Küche präzises Uhrmacherwerkzeug herzustellen. 1877 baute er dann auf der Dorfmatte eine Fabrik samt Wasserkraftanlage und produzierte Fräser, Werkzeug für die Uhrenproduktion und die dazu gehörenden Maschinen.

 

Mit 1910 begann aber der Niedergang der Uhrenindustrie in Furtwangen. Ketterer wich aus auf Gas- und Wasseruhren und später auf Getriebe, Siedle erkannte die Bedeutung der Schwachstromtechnik und legte für später die Grundlage für die Gebäudekommunikation. Koepfer hatte rechtzeitig sich von der Uhrenfertigung  gelöst und schon 1890 Zahnräder für die Musik- und Feinwerktechnik ins Programm hinzugenommen. Neben den Fräser- und Verzahnungsmaschinen wurde mit diesen die Lohnfertigung für Zahnräder und Getriebe begonnen.

 

In den zwanziger Jahren kamen zum bisherigen Programm Wälzfräsmaschinen hinzu, die Gebäude mussten immer wieder erweitert werden, denn die Mitarbeiterzahl war 1939 auf 200 angestiegen. Das Kerngeschäft aus Verzahnungsmaschinen, Verzahnungswerkzeugen und Zahnräder mit Sondergetrieben ermöglichte diesen Erfolg.  Im Gegensatz dazu richtete die traditionelle Uhrenindustrie wie „Fürtwängler & Söhne“ oder  die „Badische Uhrenfabrik“ viel zu spät ihre Sortimente neu aus und verschwanden somit vom Markt. Die erfolgreiche Expansion in die Absatzmärkte  in West- und Osteuropa und den USA wurde durch den 2. Weltkrieg jäh unterbrochen. Nachdem die Firma „Joseph Koepfer & Söhne“ schon vor dem Weltkrieg immer wieder von der Partei vergeblich bedrängt wurde, sich auf Parteilinie zu bewegen, kamen mit dem Krieg der Verlust von gut ausgebildeten Fachkräften hinzu sowie nach dem Kriege  die Demontage durch die Franzosen. 203 Werkzeugmaschinen im Wert von über 800.000 RM musste das Unternehmen abliefern.

 

Mit der Wirtschaftswunderzeit und dem noch vorhandenen erfahrenen Mitarbeiterstamm begann der erfolgreiche Aufschwung nach dem 2. Weltkrieg, der zwangsläufig zu Erweiterungen und 1963 zu einem weiteren Neubau führte, um die auf über 300 Arbeitnehmer angestiegenen Belegschaft unterzubringen. 1998 wurde aus den drei Geschäftsbereichen der „Josef Koepfer & Söhne GmbH“ die drei eigenständigen Unternehmungen „KOEPFER Verzahnungsmaschinen“, „KOEPFER Verzahnungswerkzeuge“ und die „KOEPFER Zahnrad und Getriebetechnik“ aufgespalten, um eine strategische bessere Marktbearbeitung zu ermöglichen. Kooperation mit strategischen Partnern ermöglichten nicht nur die Produktionen in Furtwangen, Ludwigsburg, sondern auch 2013 Changzhou in China und  2019 Smederevo in Serbien wie einer der Geschäftsführer Dr Alexander Koepfer in 4. Generation, mitteilte.

Furtwangen Dorfmatte 1890


Samstag, 13. August 2022

Was verbirgt sich hinter der Geigenbauer Dynastie Straub auf dem Hohen Wald?

Geige von Johann Straub 1760-1847

F
riedenweiler mit seinem Ortsteil Rötenbach gelten als Elderado des Schwarzwälder Geigenbaus. Nicht nur der Stammvater der Straubdynastie, Franz Straub, war dort geboren aber nie sesshaft. Er und auch einige weitere Nachkommen nutzten die unzutreffende Ortsangabe von Friedenweiler für Ihre gebauten Geigen. In Wirklichkeit wurden sie in Langenordnach, Rudenberg oder Neustadt gebaut. Sicherlich war der Bekanntheitsgrad des Klosterortes Friedenweiler gegenüber den reinen Bauernorten bei kirchlichen Institutionen als Hauptabnehmer höherwertigen Instrumente Anlass für die falsche Ortsangabe.

Der Stammvater der Geigenbauer, Franz Straub (1640-1696/1707), ging 1658-1662 beim Geigenbauer Joseph Meyer in Geroldshofstetten bei Grafenhausen in die Lehre. 1688 erwarb er den Lehenhof, die spätere „Untere Wirtschaft oder Löwen“, in Langenordnach später  ein Ortsteil von Titisee-Neustadt. Von ihm sind neben seiner Tätigkeit als Bauer nachweislich Geigen aus den Jahren 1684, -85, -95, -96 in zahlreichen Museen in ganz Europa erhalten – allerdings immer unter Friedenweiler obwohl in Langenordnach produziert.

Zwei seiner Söhne Simon (1662-1730) und Johann (1668-1742) gingen bei ihm in die Gegenbauerlehre und trugen mit ihrem Vater die nach der „alemannische Schule“ gebauten Geigen in die Welt hinaus allerdings immer unter Friedenweiler.

Johann verlässt mit der Heirat 1691 Langenordnach und übernimmt in Friedenweiler die Klosterschänke. Nach dem Klosterbrand 1725 kehrt er nach Langenordnach zurück, übernimmt den elterlichen Hof und betreibt ihn als „Untere Wirtschaft“.

Der begabte Geigenbauer Simon (1662-1730) -auch als „berühmtester Geigenmacher“ bezeichnet- zog in der Zeit von 1709 und 1713 nach Rudenberg später ebenfals ein Ortsteil von Titsee Neustadt. Auch er produzierte seine Geigen unter der Bezeichnung Friedenweiler. Drei seiner Söhne Franz jun. (1702-1745), Markus (1693-1761) und Mathias (1688-1765) erlernten und betrieben das Geigenbauhandwerk. Mathias erwarb 1728 den Hochberghof in Schollach später einem Ortsteil von Eisenbach. Auch er veröffentliche seine Geigen unter Friedenweiler. Markus verblieb in Rudenberg, Franz jun. verschlug es durch Heirat nach Neustadt. Auch von ihm betrieb ein Sohn, Mathäus (1728-1792) den Geigenbau in Neustadt und verkaufte seine Geigen unter Friedenweiler.

Auch die anderen Brüder setzten die Tradition fort:  der Sohn von Markus Simon jun. (1736-1812) hinterließ jeweils einen Geigenbauer aus seinen zwei Ehen in Rötenbach Johann (1764-1847) und Joseph (1768-1830). Der Sohn von Johann Georg (1798-1883) war nicht nur als Geigenbauer bekannt sondern wurde als „Geigenhannes“ bekannt, weil er viel lieber zur Tanzmusik aufspielte, als Geigen zu bauen.

Der Sohn von Mathias hinterließ gleich fünf Söhne Johann Georg, Johann, Joseph, Markus und Simon als Geigenbauer verteilet auf Langenordnach, Neustadt, Eisenbach, Rötenbach und Schollach. Nur der letzte Sohn, Simon, in Schollach hatte einen Sohn noch als Geigenbauer ausgebildet, Martin (1744-1844).

Der Urvater Franz hinterließ über den „Hohen Wald“ verstreut 6 Generationen oder nahezu 250 Jahre von erfolgreichen Geigenbauern der Familie Straub. Allerdings war die Zeit auch abgelaufen. Das aktuelle Klangideal war nicht abgebildet. Denn ab 1790 trug ein neuzeitlicher Baustil der Geige den musikalischen Innovationen des italienischen Barock Rechnung.

 

Freitag, 5. August 2022

Was verbirgt sich hinter den Glasträgern?


Der Vertrieb der Glaswaren der frühen Glashütten erfolgte durch Glasträger. Sie waren als Hausierer mit eigens konstruierten Rückenkörben –Krätzen- unterwegs, um die zerbrechlichen  Glaswaren von den Glashütten im Schwarzwald und den angrenzenden Gebieten auf Märkten oder von Hof zu Hof anzubieten. Kein Hof war zu weit, wenn sich ein Gläserverkauf möglich schien.

Anfänglich waren dies die Glasbläser, die mit ihren Verwandten als Glasverkäufer gingen. Sie waren oft Tage und Wochen unterwegs bis der Inhalt ihrer Krätze verkauft war. Bald kamen sie aber zur Einsicht, dass es rentabler war, nicht mehr selber auf Wanderschaft zu gehen, sondern die ganze Zeit am Glasofen zu verbringen und für Nachschub zu sorgen. So konnten die Glasöfen das ganze Jahr bis auf April bis Mai brennen. In dieser Zeit wurden die Öfen ausgebessert oder erneuert.

Die Familie blieb auf dem Schwarzwald zurück. Sie arbeiteten anfänglich in Abhängigkeit von den jeweiligen Glasmeistern, die allein die Privilegien von Seiten der Herrschaft genossen. Sie suchten die Glasträger aus, beschäftigten diese und stellten sie den Holzfällern gleich. Namentlich bekannt sind zwei Glasträger: Sebastian Reiner (1644) und Christian Baumgartner (1660). Aber bald kehrten sich die Verhältnisse um.

Bei der Vertragserneuerung der Fürstenberger Rotwasser-Glashütte am Feldberg waren 1686 unter den Teilhabern schon zwei Glasträger, die stellvertretend für sich zwei kundige Glasmeister am Ofen einsetzten und die Produktion der Glasmeister bestimmten.

Der Schriftsteller Peter Stühlen hat die Geschichte in seinem Roman „Aus den schwarzen Wäldern“ nacherzählt: „Glaubst du“, fragte der Meister, „dass wir dir unsere Ware auf Kredit geben?“ – „Nein“, antwortete Johann der Anführer der Glasträger, „wir werden sie bezahlen“. Nun zeigt sich, dass er seine Familie hatte darben lassen, Tag für Tag und Jahr für Jahr, weil er sorgsam und geduldig auf das Ziel hingearbeitet hatte. Eine wohlgefüllte Geldkatze, mühsam erarbeitetes Silber, erspart, erhungert hatte er zur heutigen Abrechnung mitgebracht. Die Meister sahen ein, dass sie in Johannes Händen waren. Nun stand plötzlich die Kundschaft unmittelbar vor den Öfen der Meister. Männer, die die Märkte kannten, über Mittel verfügten und vernünftige Preise boten. Die Glasträger verließen als freie und selbstständige Handelsmänner die Glashütte, die sie als Knechte betreten hatten.

Durch die Glasträger kamen allerlei Waren wie böhmischen Uhren, Kanarienvögel, geflochtene Körbe und Strohhüte aus Italien auf den Schwarzwald. Ihnen ist zu verdanken, dass die Uhrenherstellung und Strohflechterei auf dem Schwarzwald angestoßen wurde.

1720 schlossen sich die Glasträger in Lenzkirch zu Glasträgergesellschaften zusammen ähnlich wie die Uhrenträger in  Triberg. Mit ihnen wurden die Betriebsbedingungen intern festgelegt, jährlich abgerechnet und gleichzeitig die Verkaufsgebiete festgelegt. Es entstanden die Elsaß-, Schwaben-, Württemberg-, Pfalz-und Schweizerträgercompanie.

Siehe, „Was verbirgt sich hinter den Glasträgercompanien?“.

Freitag, 29. Juli 2022

Was verbirgt sich hinter 150 Jahre Blessing aus Unterkirnach?

Martin Blessing 1774-1847

In der Zeit zwischen 1770-1820 wurden Flötenuhren auf dem Schwarzwald gebaut. Neben dem Uhrwerk waren das Gebläse, die Pfeifen und die Stiftswalze als Steuerung der Pfeifen notwendig. Die Weiterentwicklung waren die Musikwerke ohne Uhrwerk, später Orchestrion genannt.

 

Martin Blessing (1774-1847) war der Sohn eines armen Zimmermanns aus Unterkirnach. Nach der Schule schickte ihn der Vater zur landwirtschaftlichen Lehre auf den Sattelhof nach Gütenbach. Das war nicht die Welt des aufgeweckten Martin, auch nicht der Aufenthalt bei einem Spieluhrmacher. Mit 17 Jahren ging er mit der Uhrenhändlerkompanie nach Moskau. Dort machte er eine Lehre bei einem Schwarzwälder Spieluhrenmacher und nahm Flötenunterricht. 1806 kam er vermögend nach Furtwangen zurück, ging aber 1808/09 wieder nach Moskau zurück, wo sich auch sein Bruder Carl (1769-1820), ebenfalls ein Spieluhrenmacher, aufhielt. Beide verfertigten dort Drehorgeln und reparierten beim Adel selbstspielende Musikwerke. 1814 ging die Reise der beiden Blessings wieder nach Furtwangen zurück und zwar mit Hilfe napoleonischen Truppen auf dem Rückzug.

 

Nach dem frühen Tode seines Bruders übernahm der kinderlose Martin 1820 die drei Söhne Jacob (1799-1879), Johann (1803-1872) und Konstantin (1808-1872) seines Bruders und bildete sie gründlich zu Spieluhrenmacher in seiner Werkstatt in Furtwangen aus. 1831 vollendete er nach zwei Jahren sein erstes großes Orchestrion, das er selbst nach England brachte und dort für damals unvorstellbare 15.000 Gulden verkaufte. Aber nicht nur Orchestrien baute er sondern auch Kirchenorgeln.

 

Die beiden Brüder Jacob und Johann zogen 1823/24 wieder nach Unterkirnach zurück und bauten zahlreiche Flöten- und Spieluhren. 1840 verkauften sie ihr erstes Orchestrion. Ihr Können und Fähigkeiten sprachen sich schnell herum, so dass aus nah und fern, sowie aus England und Russland zahlreiche Besucher unter anderem auch mehrfach der Fürst von Fürstenberg nach Unterkirnach kamen, um die neuesten Orchestrien zu bestaunen.

 

Zahlreiche Schüler gingen durch die Werkstatt der Blessingbrüder. Darunter auch Martin Welte, der große Orchestrionbauer und sein Sohn Hubert Blessing (1823-1866). Dieser verkaufte bald seine Orchestrien nach England und Frankreich wie sein Pass 1853 zeigte. Seine Musikwerke spielten aber auch in Spanien, Rußland und sogar Ostindien. Sein Erfolg gab ihm Recht, da er sich um neue Räume in Villingen umsehen musste, denn 1865 beschäftigte er 17 Mitarbeiter. Leider starb er schon viel zu früh 1866.

 

Die Rettung kam mit Eduard Blessing (1844-1896), der Sohn von seinem Onkel Konstantin, der letzte der drei Blessingbrüder. Er heiratete eine Tochter seines Onkels Jacob und baute ab 1871 den größten Unterkirnacher Musikwerkbetrieb auf. 1882 zog er nach Rottweil, übernahm sich dort aber finanziell und war weiterhin als Musikwerkmacher tätig.

 

Der zweite Sohn Johann Blessing aus dem Dreigespann der Blessingbrüder hatte wenig Glück mit seinen Kindern. Sie starben leider viel zu früh. Ein Verwandter Wolfgang Blessing (1842-1926) heiratete eine Tochter von Johann Blessing und führte ab 1872 den florierenden Orchestrionbetrieb von seinem Onkel weiter. Er war auf vielen Ausstellungen vertreten und holte sich so viele Auszeichnungen. Seine Söhne Karl (1873-1950) und Ernst (1876-1961) waren ebenfalls als Orchestrionbauer tätig. Nach dem Tode des Vaters 1926 trennten sie sich. 1948 wurde Ernst Blessing nochmals vom Ehrgeiz gepackt und entwickelte „Roboterkapellen“ mit lebensgroßen Figuren, von denen eines im Heimatmuseum Triberg steht. 1950 lieferte eine solche“ Roboterband“ nach Los Angeles.

Orchestrion E Blessing 1936 Triberg Museum






Freitag, 22. Juli 2022

Was verbirgt sich hinter der Bürgerwehr von Oberharmersbach?



Bürgerwehr Oberharmersbach 1934

Die Bürgerwehren sind militärähnliche Einrichtungen –auch Fahnen genannt, die aus der Waffenpflicht der Bürger, dem Landsturm oder der Landmiliz entstanden sind. Typisches Beispiel hierfür ist die Ankunft von Marie Antoinette auf ihrer Reise von Wien nach Paris am 4.5.1770 in Freiburg. Vor dem Martinstor trat zum Empfang die neu aufgestellte Bürgerwehr zur Begrüßung an. Damit hat Freiburg die älteste Bürgerwehr im Schwarzwald. Natürlich paradierte innerhalb der Stadtmauern das reguläre vorderösterreichische Militär.

 

So traten in Oberharmersbach zwar schon 1660 die Bürger zum Huldigungseid mit Gewehren an. Aber den waffentragenden Bürgern oblagen eigentlich die Begrüßung von honorigen Gästen mit entsprechendem Aufmarsch. So wurde am 13.1.1777 der Gengenbacher Abt zur Amtseinführung des neu gewählten Vogtes empfangen. Dies wird als Geburtsstunde der Oberharmersbacher Bürgerwehr und damit als der zweitältesten im Schwarzwald angesehen.

 

Ansonsten marschierten die Bürgerwehrmänner an Prozessionen wie Fronleichnam mit ihren Gewehren mit. Aber schon gleich mit der Auflösung der Reichsfreiheit des Harmersbachtales 1806  und der Trennung des Tales 1812 in Unter- und Oberharmersbach fand bei der Bürgerwehr auch eine Unterbrechung statt. 1830 fand dann eine Neugründung statt, da es in Zukunft Bürgerwehren von Unter- und Oberharmersbach gab.

 

Im Nachgang der Revolution 1848/49 fand die Obrigkeit, dass Waffen und Säbel nicht in die Hände der Bürger gehörten und entwaffnete 1849 die Bürgerwehren. Erst 1862 durften die Bürgerwehr wieder bei besonderen Anlässen Waffen tragen. Dazu gehörten kirchliche Feiertage und die Geburtstage von Großherzog und Kaiser.

 

Die Gründung des Deutschen Reiches 1870/71 brachte auch eine Militarisierung für damalige Bürgerwehr. Ab 1874 mussten die Mitglieder „in Ehren im deutschen Heer“ gedient haben. Die Mitglieder erhielten militärische Ränge. Aus der Bürgerwehr wurde der Militär-Verein.

 

Nach dem 1. Weltkrieg wurde aus dem Militär-Verein wieder die freiwillige Bürgerwehr. Die Trachtenkapelle von Oberharmersbach wurde als Miliz- und Trachtenkapelle bei Veranstaltungen integriert. Der Neustart nach dem 2. Weltkrieg war dagegen viel schwieriger. Die französische Armee zog auch alle alten Vorderladergewehre ein und vernichtete sie.

 

Erst 1949 kam es wieder zur Neugründung der Bürgerwehr und ab 1952 konnten nach und nach wieder die alten Vorderladergewehre als Nachbildung beschafft werden. Die Bürgersoldaten tragen die Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett und die Offiziere die Degen. Und ab nun präsentiert sich der Verein seit 1975 als historische Bürgerwehr.

 

Trommler und Pfeifer haben seit jeher die Bürgerwehr bei ihren Auftritten begleitet. Anlässlich der Wiedergründung 1949 wurde spontan ein Spielmannszug in die Bürgerwehr integriert. 1963 kam ein Fanfarenzug hinzu, denn man hatte zufällig Fanfaren auf dem Rathausspeicher gefunden. Der Spielmanns- und Fanfarenzug marschieren bei den Umzügen grundsätzlich vorne weg.

Bürgerwehr Oberharmersbach Appell


Freitag, 15. Juli 2022

Was verbirgt sich hinter dem Pfarrdorf, das zur Kurstadt wurde?

Herrenalb  1900

Bad Herrenalb mit seinen Mineral- und Thermalquellen liegt am Ende des Albtales hat mit seinen Eingemeindungen 7.300 Einwohner und gehört verwaltungsmäßig zum Kreis Calw.

 

1148 kam nach einem Kreuzzug Graf Berthold III von Eberstein wohlbehalten zurück und stiftete aus Dankbarkeit und um seines Seelenheiles Willen im hinteren Albtal das Zisterzienserkloster Herrenalb. Zu Anfang müssen es mindestens 12 Mönche und ein im Mutterkloster –hier Neuburg im Elsaß- gewählter Abt gemäß den Vorschriften gewesen sein. Ebenso mussten die Mönche ihr Kloster ohne fremde Hilfe, also nur mit ihren Laienbrüdern, selber bauen. Im Winter gab es zwei, im Sommer nur eine armselige Mahlzeit, alle Arbeiten mussten selber verrichtet werden, um 2 Uhr morgens begab man sich zum ersten der sieben Gottesdienste und für alle Mönche galt Schweigepflicht.

 

Durch den Fleiß und die billige Arbeitskraft kamen die Klöster schnell zu Reichtum und Macht. Schon im 13. und Anfang des 15. Jahrhunderts konnten zahlreiche Grundstücke, Höfe ja ganze Dörfer gekauft werden. Ende des 15. Jahrhunderts waren dies 42 Weiler und Dörfer mit etwa 300 bis 340 km².

 

Die Bauernkriege 1524/25 führten auch im Kloster Herrenalb und in ihren Besitzungen zu schweren Plünderungen und Zerstörungen. Ein noch härterer und schwerer Schlag war jedoch die Einführung der Reformation 1535 durch Herzog Ulrich. Mit der vorläufigen Aufhebung des Klosters wurde Herrenalb 40 Jahre lang eine evangelische Klosterschule. Im Dreißigjährigen Krieg wurde Kloster Herrenalb 1643 von einem französisch-weimarischen Heer zerstört. 1645 wurde das Kloster endgültig aufgehoben.

 

Im Bann des Klosters hatten sich einige wenige Handwerker, Händler und Taglöhner angesiedelt, so dass die seit 1738 bestehende  Pfarrgemeinde 1791 eine politische Gemeinde wurde. Allerdings war dies ein „Verein besitzloser Klosterinsassen“, wie ein Zeitgenosse feststellte.

 

Einen Segen für die Entwicklung von Herrenalb war Siegmund Hahn (1664-1742), der das „einfache, kalte Wasser in den Mittelpunkt seiner reizphysiologischen Untersuchungen und Therapievorschläge machte. Mit Dr Weiß, dem großen Förderer, wurde 1840 die Kaltwasserheilanstalt in Herrenalb gegründet. Im Laufe der Jahre gelang es, sich mühsam aber zäh sich zwischen den Bädern Wildbad und Baden-Baden mit Kaltwasser und der reinen Luft einen Namen zu machen und den Bewohnern ein gesichertes Einkommen zu schaffen. 1880 wurden schon 2.000 Wasser- und Luftkurgäste beherbergt. Wenn auch zögerlich kam mit der Zeit der Adel und Hochadel zum 1891 gebauten Kurhaus und flanierte 1900 im angelegten Kurpark, denn die 1898 fertiggestellte Albtalbahn schloss Herrenalb an die große Welt an.

 

Mit dem 1921 erbohrten Tafelwasser und dem Titel „Heilklimatischer Kurort“ 1954 gab man sich aber nicht zufrieden. Was fehlte war Thermalwasser, um in der Liga der Bäder mit zu spielen. Aber dann nach mehreren Versuchen wurde 1964 auf der Schweizerwiese endlich Thermalwasser mit einer Temperatur von 35° gefunden. Da war es nicht mehr weit zum Bau der „Siebentäler Therme“ 1969/70 und folgerichtig wurde Herrenalb 1971 zur Führen des Titels „Bad“ berechtigt.

Ruine der Vorhalle des Klosters





Grabmal Bernhard von Baden 1364-1431