Freitag, 28. März 2025

Was verbirgt sich hinter der Bruderwallfahrt bei Lahr-Kuhbach?


Im Wald 2 km von Kuhbach, einem Ortsteil von Lahr, und 3 km von Heiligenzell, einem Ortsteil von Friesenheim, entfernt, liegt an der Brudertalstraße die Kapelle „Zur Schmerzhaften Muttergottes im Brudertal“.

Da das Kloster St Gallen die Christianisierung auch weit nach Norden vorantrieb, waren die ältesten Kirchen und Kapelle dem hl Gallus (Patrozinium 16.10.) geweiht. So wurde auch die erste Kapelle im Brudertal dem hl Gallus geweiht. Die Jahreszahl 1024 unter dem Christuskopf, eingemeißelt in den an der Hinterfront eingemauerten Stein, gibt die mutmaßliche Entstehung des Kirchleins an. Vom Bischof in Straßburg, kam die Reliquie des „heiligsten Blutes Christi“ und anderer Reliquien. Der Bischof erteilte Ablässe und Papst Clemens XI  ein besonderes Privileg für den Altar des Heiligen Kreuzes und Blutes.

Das alljährlich am Freitag nach dem Weißen Sonntag abgehaltene Fest vom „kostbaren Blute“ wurde von zahlreichen Wallfahrern besucht. Die Reliquie des „hl Schweißtuches“ wurde der Wallfahrtskapelle im Brudertal zur Verehrung übertragen. 1490 heißt die Kapelle „Zum Schweißtuche Christi“.  Zahlreiche Wallfahrer aus dem Schutter- und Kinzigtal kamen am kostbaren Blutfeste dorthin. An der Decke des damals restaurierten Kirchleins war das Hauptgemälde das „hl Schweißtuch Christi“. Wegen der zunehmenden Bedeutung der Wallfahrten zur Brudertalkapelle entstand am Standort der Kapelle ein Bruderhaus, in dem Mönche lebten und eine kleine Landwirtschaft betrieben.

Die Bauernkriege um 1525 setzten der Kapelle und dem Bruderhaus zu. Noch härter traf diese die Reformation, die durch Markgraf Bernhard III eingeführt wurde. Die dem Kloster inkorporierten Pfarreien des Kloster Schuttern wurden mit protestantischen Pfarrern besetzt: 1562 Oberschopfheim, 1564 Friesenheim, 1570 Oberweier. So wurde von diesen Pfarreien die Wallfahrt lahm gelegt. Die Kapelle zerfiel langsam vor sich hin.

Erst nach dem 30jährigen Krieg erlebten die Wallfahrten 1648 erneut einen Aufschwung, denn die Rekatholisierung der inkorporierten Gemeinden des Kloster Schuttern wurde nach und nach durchgeführt. Das Kirchlein wurde wieder aufgebaut, der „Schmerzhaften Mutter Gottes“ geweiht und eine Pieta gestiftet. Die Wallfahrer strömten. Denn zusätzlich entsprang unweit der Kapelle eine Quelle, die Augenkrankheiten heilte.  Ein katholischer Knecht aus Lahr, so die Sage, hörte davon und fragte seinen lutherischen Herrn, ob er nicht wegen seinem Augenleiden zur Bruderkapelle gehen dürfte. Dieser spottete: „Gehe nur zu, du Tor und nimm gleich auch meinen blinden Schimmel mit!“ Gesagt getan, am Gnadenort zeigt ihm eine arme Frau die Quelle. Mit dem Wasser wusch er seine Augen und die des Schimmels aus, jeweils unter Anrufung der barmherzigen Fürbitte Marias bei Gott. Der armen Frau gab er den Auftrag noch drei Ave Maria für ihn zu beten. Unterwegs wurde der Schimmel sehend. Nachdem das dritte Ave Maria gebetet war, wurde er ebenfalls sehen. Als er dies freudig seinem Herren meldete, sprach dieser: „Ihr seid sehend, aber ich bin dafür blind“. Er hatte für seinen Spott für immer das Augenlicht verloren.

1787 jedoch, als Schuttern österreichisch wurde, verbot Kaiser Joseph II die Wallfahrt erneut. 1805 wurde die Mutter-Gottes-Figur nach Kuhbach gebracht, wo sie auf dem Speicher lagerte. Zwei Bauern aus Mühlenbach kauften die Statue und stellten diese 1891 in der Kirche zu Mühlenbach auf. Zwischenzeitlich zerfiel die Kapelle mehr und mehr und dämmerte 80 Jahre vor sich hin. Erst 1887 wurde sie dank der Initiative des Oberweier Joseph Himmelsbach neu aufgebaut. Und siehe da, die Wallfahrt kam sogleich wieder in Schwung.


2009 wurde die Brudertalkapelle generalsaniert. Eine Pieta sowie der Stein mit dem Schweißtuch schmücken die Kapelle.





Brunnen der Brudertalkapelle


Freitag, 21. März 2025

Was verbirgt sich hinter der Sintflut in der Fünftälerstadt?


Am 21. Mai 1959 brach am Spätnachmittag gegen 16.00 Uhr eine Sintflut über die Fünftälerstadt Schramberg herein. Ein ungewöhnlich starkes Gewitter ging eine 3/4 Stunde lang nach sommerlicher Wärme mit taubeneiergroßen Hagelkörnern auf die Stadt nieder. Zusätzlich prasselte ab 18.00 Uhr ein immer stärker werdender Wolkenbruch auf die leidgeprüfte Stadt nieder. Zusätzlich wurde der Wolkenbruch durch die verschiedenen, engen Tälern, die wie Trichter die Wassermengen sammelten, verstärkt und weitergeleitet.

Der sonst harmlose Kirnbach schob Bäume und Wurzeln zu Tal und die Berneck vom Bernecktal ergoss sich ein schnell ständig verstärkender Wolkenbruch durch die Hauptstraße und wälzte sich in die Schiltach. Der Göttelbach bahnte sich einen neuen Weg und riss Gartenhäuser, Baracken, Stämme und jede Menge Geröll mit sich. Ganze Hausecken, der Kassenschrank des Notariats wurden mitgerissen. In kurzer Zeit waren im Zentrum der Schloss- und der Doblerplatz ein See. Die Steig verwandelte sich in einen herabstürzenden Gebirgsfluss. Dieser hatte die Straße bis auf die Kanalisationsrohre aufgerissen und freigespült. Die Keller liefen in Minuten mit Dreckwasser voll, die Autos standen bis zum Dach im Schlammwasser oder schwammen langsam davon, die Geschäfte in der Innenstadt liefen voll. Familien wussten nicht, wo sie die Nacht verbringen sollten. Der Notstand wurde gegen Mitternacht ausgerufen, denn zusätzlich waren die Stromversorgung und Telefonverbindungen zusammengebrochen. Das Trinkwasser konnte nur noch abgekocht verwendet werden. 10.000 Einwohner mussten ihr Trinkwasser von der Feuerwehr bekommen.

Auch das Umland von Schramberg erlitt schwere Schäden: Das Holzlager eines Sägewerks in Hinterlehengericht wurde bis zu 30 km weit weggeschwemmt. Selbst in Wolfach wurde eine Baustelle der Kinzigregulierung überflutet, die Baumaschinen vernichtet. Die Straße Richtung Sulgen unterhalb der Grünen-Baum-Kehre gab es nicht mehr, ebenso die Straße Richtung Rötenberg und Alpirsbach.

Langsam lief das Wasser ab. Übrig blieben Schlamm, Sand und Dreck, Wurzeln und Baumstämme. Beschädigte Häuser, demolierte Geschäfte vollgelaufene Keller. In manchen Keller oder Geschäfte konnten sogar Forellen gefangen werden, die sich verirrt hatten und mit geschwemmt worden waren. Die Schäden gingen in die Millionen. Vorsichtige Schätzungen sprachen von über 15 Millionen DM. Die Feuerwehren aus Schramberg und den Nachbarstädten, das THW aus Karlsruhe und Freiburg sowie die Bereitschaftspolizei aus Göppingen beseitigten die ersten Schäden. Die Bundeswehr, französisches Militäreinheiten aus Villingen und amerikanischer Sanitätshilfsdienst organisierte die erste Wasserversorgung. Die deutschen, französischen und amerikanischen Soldaten mit schwerem Gerät erbrachten Arbeitsleistungen von über 2 Mio DM an Arbeitslöhnen.

Doblerplatz 1959


 

 

 

 

 

 

Freitag, 14. März 2025

Was verbirgt sich hinter dem Kniebis?


Im 13. Jahrhundert war der Schwarzwald kaum besiedelt. Durch diesen urwaldähnlichen, dunklen und unbesiedelten Gebirgszug führte ein Saumpfad als einzige Querverbindung im Nordschwarzwald auf seinem Weg von Paris nach Wien. Sie führte von Straßburg, Oppenau, „Alte Steige“, Zuflucht, Kniebis (971 m), heutige „Alte Straße“, Finkenberg, St Christophstal wurde der Forbach überquert, das spätere Freudenstadt, Aach und Dornstetten. Es war ein Weg mit viel Pein und Mühe, auf dem „Steighof“ war eine Vorspannstation und auf der Gegenseite beim „Talwirtshaus“ in Chritophstal ebenfalls eine wegen des Finkenbergs. Nicht auszudenken waren die Strapazen im Winter. Noch 1838 berichtet ein Reisender: „Nur hie und da ragt eine Stange empor, dem Reisenden die Richtung zeigend, die er zu nehmen hat, wenn tiefer Schnee jede Spur des Weges unkenntlich macht“.

 

Die Pfarrkirche Dornstetten erstellte zum Schutz der Reisenden eine Kapelle. Diese wurde in einer Urkunde 1267 erstmals erwähnt. 1277 stiftete Graf Heinrich I den Franziskanern ein Kloster auf dem Kniebis. Dieses wurde auch 1287 eingeweiht. Da das Kloster sich freiwillig 1341 dem Benediktinerorden im Kloster Alpirsbach unterstellte, wurde es im Zuge der Reformation 1558 aufgelöst. Dies führte zur Umwandlung des Hospizes in eine Gastherberge.

Durch die Gründung von Freudenstadt 1599 wurde wegen des ansteigenden Reiseverkehrs eine württembergische Zollstation in der Vorhalle des Klosters eingerichtet. 1799 versuchten französische Soldaten einen Ochsen am Spieß zu braten. Durch den Funkenflug fing das Kirchendach Feuer, das Kloster brannte bis auf die Grundmauern nieder.

 

Der Übergang aus dem Renchtal über den Kniebis als höchster Punkt war auch ein wichtiger militärischer Übergang. Noch heute zeigen verschiedene erhaltene Schanzen die militärische Bedeutung: Alexanderschanze, die seit dem 30 jährigen Krieg schon vorhanden war, aber 1734 von Herzog Karl Alexander neu befestigt wurde. Die Schwedenschanze auf der Zuflucht von 1632, die von den Ämtern Dornstetten und Freudenstadt wegen fortwährender Durchzüge fremder Truppen gebaut wurde. Wie alte Karten zeigen, existierte noch nahe der Abzweigung der Wolftalstraße beidseitig der Kniebisstraße die „Kleine Schanz“ (Schwabenschanz). Die Chronik vom Kloster St Georgen berichtete 1632 davon.

 

Ab 1708 kamen die ersten Siedler auf den Kniebis, so dass hundert Jahre später schon eine Siedlung aus 12 Häusern auf den Gemarkungen von Baiersbronn und Freudenstadt entstanden war. Um 1780 gründete die „Fürstlich Fürstenbergische Verwaltung“ eine Holzhauersiedlung im südlichen Teil des Kniebisgebietes. Im Zuge der Gründung des Großherzogtums Baden wurde das fürstenbergische Gebiet 1806 Baden zugesprochen. Neben der mühsamen Holzfällerei war die Harzerei die einzige Erwerbsquelle der armen Bevölkerung in diesem kargen Gebiet. Heinrich Hansjakob beschrieb dies auch nach dem Verbot der Harzerei durch die Obrigkeit in seinem Buch Waldleute. Das Leben in dieser kargen Gegend war so mühsam, dass zwischen 1851/57 insgesamt 145 Kniebiser auf Kosten des Fürsten von Fürstenberg und dem badischen Staat nach Amerika ausreisen konnten.

 

1938 kam der südliche Kniebis zur Gemeinde Bad Rippoldsau. Und 1975 schließlich wurde der dreigeteilte Kniebis vereint. Die Bürgermeister von Baiersbronn, Freudenstadt und Bad Rippoldsau setzen Ihre Unterschrift unter den Einigungsvertrag, der bestimmte, dass Schulen vereinheitlicht werden und der Kniebis mit einem eigenen Ortschaftsrat nach Freudenstadt eingegliedert wurde.

 

Auf dem Kniebis Alexanderschanze steht auch der Dreifürstenstein: Württemberg, Hochstift Straßburg und Fürstenberg stoßen hier zusammen.

Dreifürstenstein Alexanderschanze Kniebis

Der Kniebis erlebte auch die goldenen Zeit der Kurhäuser: Kurhaus Zuflucht 1808 als Schutzhütte für Waldarbeiter erbaut, 1980 Jugendherberge, seit 2006 ein Übernachtungshotel. Kurhaus Alexanderschanze 1868 als Forstwarthäuschen erbaut, 2015 an das Land Baden-Württemberg verkauft, da es jahrelang leer stand. Kurhaus Lamm  war schon im 19. Jahrhundert als eine Raststätte für Fuhrleute gebaut, 1985 mangels Rendite abgebrochen.

Kloster Kniebis heute


 


Freitag, 7. März 2025

Was verbirgt sich hinter dem Aufbegehren der Hotzen?

Hotzen Tracht 1752

Der Hotzenwald ist ein Teil des südlichen Schwarzwalds, der sich zum Rhein hin abflacht. Er erstreckt sich von der Wehra im Westen bis hin zur Schlücht im Osten. Die Hotzen, die bäuerlichen Bewohner der Gegend, habe ihren Namen von der Tracht. Die weit gefältete Pluderhose besteht aus einem grauen aber auch schwarzen oder braunen Tuch, dem Hotzen.

Die Besiedelung dieser kargen und unfruchtbaren Gegend wurde durch die Klöster Allerheiligen in Schaffhausen, dem Damenstift Säckingen, dem Kloster St Blasien oder Landesherren wie die Freiherren von Krenkingen vorangetrieben. Als Zentrum des Hotzenwald gilt die Grafschaft Hauenstein. Die ersten Siedlungen auf den Hochflächen der Berge, die sich ab dem 9. Jahrhundert bildeten, waren von den verkehrsfeindlichen, unwegsamen Schluchten getrennt. So entstanden zwischen 1326 und 1333 die sogenannten Einungen als weitgehend selbstständigen Verwaltungseinheiten mit einem Einungsmeister, der für Verteilung der Steuerlasten und deren Einzug zuständig war. Die Einungsmeister wurden immer am Samstag vor Mattheus (19.9.) von den verheirateten Männer gewählt. Die Grafschaft Hauenstein setzte sich aus 8 Einungen zusammen: Je 4 Einungen ob der Alb –Görwihl, Rickenbach (1433 kamen noch die Täler Todtnau und Schönau hinzu), Hochsal und Murg mit je einem Vogt und nid der Alb –Höchenschwand, Dogern, Birndorf und Wolpadingen wobei die ersten und die letzten beiden jeweils einen gemeinsamen Vogt hatten. Diese waren die Ausführorgane des Waldvogts als höchster kaiserlicher Beamte im Hotzenwald.

Die habsburgischen Herzöge haben dem Waldvogt Rechte verliehen, um zu verhindern, sich an sprach- und stammesverwandlten Alemannen der Eidgenossenschaft anzugliedern. Durch die eingeräumten Rechte blieb die Grafschaft bis ins 18. Jahrhundert ein selbstverwaltetes Gemeinesen mit eigener Fahne und Siegel, eigener Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit.

Ein habsburgischer Trost- und Versicherungsbrief bestätigte 1370 das Bestehen der Einung auf dem Wald. König Wenzel nahm 1379 die Grafschaft Hauenstein von jeder fremden Gerichtsbarkeit aus und bestimmte, dass nur österreichisches Recht gelten soll. In einer Waldamtsöffnung von 1383, die die Rechte und Pflichten der Waldleute umreißt, ist auf die Hochgerichtsbarkeit des Waldvogts hingewiesen.

Der Freiheitsdrang der Bauern in der Grafschaft Hauenstein äußerte sich in ihrer Jagdleidenschaft. Die freie Jagd im Eigenwald wie auf den Allmenden betrachtete man als altererbtes Privilig. Im 15. Jahrhundert hatten die Hauensteiner das Recht neben dem kleinen auch das Hohe Wiltprät zue fellen vndt zu ihrem aigenen Nutzen zu verwenden. Strittig war nur die Jagd auf Bären und Wildschweine. So ist von 1371 verbürgt, dass die Bauern auf dem Wald um erstenmal das Kloster St Blasien besetzten, weile es Ihnen vor allem das Jagdrecht streitig machten und sein Gebiet auf Kosten der Bauern auszudehnen suchte.

Die Reformation brachte Umwälzungen, wenn der Hotzenwald auch beim alten Glauben blieb. Dazu kamen aber die drückenden Lasten, die die Bauern zu tragen hatten. Zu den vielfältigen Fronen kamen die Naturalbgaben, dazu waren Dienste für die Leibeigenen zu zahlen. Nicht alle Bauern waren frei sondern waren großteils auch Leibeigen. Die Forderungen der Bauern waren in 12 Artikel zusammengefasst. Nach mehreren Scharmützel entlud sich 1525 die ganze Wut. Über 600 Bauern überfielen das Kloster St Blasien, verjagten die Mönche, zerstörten die Bibliothek und Archiv und machten sich über Wein- und Lebensmittelvorräte her. Die Plünderungen dauerten 6 Tage. Nach einigen Monaten wurden die Aufständischen zurückgeschlagen, wurden grausam bestraft und mussten Schadensersatz leisten, der grausam eingetrieben wurde. Wer  von den Anführer nicht in die Schweiz fliehen konnte, wurde verhaftet.

So auch Kunz Jehle, der trotz Fürbitte des Abts von St Blasien gehängt wurde. Die Bauern schnitten dem Toten die rechte Hand ab und nagelten diese  an die Klosterpforte. „Diese Hand wird sich rächen“ stand auf einem Zettel. Tatsächlich hatten die Anhänger von Kunz Jehle Feuer ans Kloster gelegt, Pulver gestreut, so dass das Kloster in wenigen Stunden niederbrannte.

Die nachfolgenden Aufstände entluden sich in den Salpeteraufständen: Siehe - Was verbirgt sich hinter den Salpeteraufständen?

Freitag, 28. Februar 2025

Was verbirgt sich hinter der Lenzkircher Uhrenfabrik?

Uhrenfabrik Lenzkirch

Das älteste Unternehmen unter den Produktionsstätten des Hochschwarzwaldes war die „Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch.“ Der Ursprung dieses Unternehmens lag in der kleinen Firma Schöpperle& Hauser in Lenzkirch. Eduard Hauser 1825-1900 Uhrmacher und konstruktiver Kopf führte mit dem Musikwerkmacher Ignaz Schöpperle 1810-1882 eine kleine Rohwerkfabrik und produzierten mit 14 Arbeitern maschinell hergestellte Uhrenteile und Rohwerke. Aber schnell wurde die Kapitaldecke zu kurz, und Eduard Hauser wandte sich an die Regierung wegen eines zinslosen Darlehens von 10.000 Gulden. Außer anerkennenden Worten und einer kleinen Geldprämie war nichts zu erwarten.

Was lag da näher als sich an die aufstrebende und große Strohhuthandelsgesellschaft „Faller, Tritscheller & Co“zu wenden. 1851 war es soweit, dass die die Firma Schöpperle & Hauser in eine „Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation in Lenzkirch“ umgewandelt wurde. Aktionäre waren Franz Josef Faller, Eduard Hauser, Nikolaus Rog, Ignaz Schöpperle, Paul Tritscheller, Nikolaus Tritscheller und Josef Wiest. Als Direktion wurde Nikolaus und Tritscheller sowie Eduard  Hauser als technischer Leiter bestimmt. 1856 wurde die Direktion um Albert Tritscheller ergänzt, der seine Auslandserfahrung der Uhrenfabrikation einbrachte.

In der Anfangszeit beschäftigte sich das Unternehmen mit dem Finieren von Rohwerken aus Frankreich, die vergoldeten Zink-Pedulen als Imitationen der französischen Bronze-Pedulen kamen in großen Mengen auf den Markt. Eine weitere Spezialität waren die runden und faconnierten Tafeluhren „Oeils de boeuf“ (Ochsenaugen). Ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kamen Saitenzug-Regulatoren hinzu, die zu den Spitzenerzeugnissen der Schwarzwälder Präzisions-Gebrauchsuhren zählte. Zahlreiche Auszeichnungen und Medaillen bestätigten den Erfolgskurs. Die Gesellschaft beschäftigte um die 100 Mitarbeiter wovon ein Drittel zu Hause für das Unternehmen arbeitete. Es führte 1885 eine Krankenkasse für die Mitarbeiter sowie eine Witwen-, Waisen- und Alterskasse ein und räumte die Möglichkeit ein, dass die Beschäftigten ihre Ersparnisse zinsbringend in der Gesellschaft anlegen konnten.

In den folgenden Jahren wurde das Produktionsprogramm ständig erweitert. Um die Jahrhundertwende konnten das Unternehmen mit 160 verschiedenen Werksorten und eine Kollektion von mehreren hundert Gehäusemustern aufwarten. Mehrere Sonderabteilungen ergänzten die Uhrenfertigung: Sägewerk, Walzwerk, Gießerei, Vergolderei, Metallätzerei und eine Werkstatt für den Sondermaschinenbau. Dazu machten 480 Mitarbeiter die Gesellschaft zur größten und leistungsfähigen Herstellerfirma für Massivuhren im badischen Schwarzwald. In dieser Zeit schied auch der technische Leiter Eduard Hauser altershalber aus.

Aber auch ein schwerer Schicksalsschlag traf das Unternehmen. Ein Großbrand vernichtete 1900 das gesamte Uhrenmagazin mit allen Lagervorräten. Einige Jahre zuvor hatte die Eröffnung der Höllentalbahn 1887 für starke Impulse gesorgt. Mit der 1907 eröffneten Bahnstrecke Neustadt-Lenzkirch-Bonndorf war die Uhrenfabrik plötzlich mit der Welt verbunden. Beim Bau der Höllentalbahn hatten die politischen und wirtschaftlichen Einflüsse von Franz Josef Faller und Paul Tritscheller wesentlichen Anteil. Dies so sehr, dass der damalige Landesherr, Großherzog Friedrich I, beide mit dem Ritterkreuz I. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen und Ernennung zu Kommerzienräten auszeichnete. Franz Josef Faller, der die Eröffnungsrede der Höllentalbahn halten sollte, bekam kurz vor seiner Rede einen Herzschlag und starb.

Eduard Hauser und die anderen Mitbegründer konnten sich nicht entschließen, die bisherigen hochwertigen Uhren zugunsten der billigen „Amerikaneruhren“ aufzugeben. Die Söhne von Eduard Hauser sahen dies anders und wechselten 1900 zum Konkurrenzunternehmen HAU Schramberg. Die Weltwirtschaftskrise in den 20iger Jahre verschärfte die Probleme so sehr, dass 1927 die Aktiengesellschaft für Uhrenfabrikation den Betrieb einstellte. Die Schramberger Konkurrenz Gebrüder Junghans übernahm die Lenzkircher Uhrenfabrik bis 1932 als Nebenbetrieb. Seit 1933 war das Werk im Besitz des Dauerwellenherstellers Kadus-Werk Ludwig Kegel KG. Das Unternehmen ging im Wella Konzern auf, der sich 2004 vom Werk in Lenzkirch trennte.  

Faller Franz Josef 1820-1897

Tritscheller Paul 1822-1892

                                                                              

Freitag, 14. Februar 2025

Was verbirgt sich hinter Rudolf Archibald Reiß aus Sulzbach?

Reiß 1875-1929

Aus den Tälern des Adler- und Sulzbachs, dem Hechtsberg und dem Martinshof rechts der Kinzig wurde aus Einbach heraus im frühen 19. Jahrhundert die Zwerggemeinde Sulzbach mit gerade mal 340 ha gebildet. Sie wurde 1921 nach Einbach eingemeindet und ist seit 1971 ein Ortsteil von Hausach. Heute sind auf dem ehemaligen Gelände von Sulzbach einige Bauernhöfe und der Landgasthof Hechtsberg, seit 1928 der Steinbruch Keller und seit einigen Jahren das Sägewerk Streit.

Der Landgasthof Hechtsberg war ursprünglich ein Landgut, das Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Freiherr Otto von Dahmen aus abgewirtschafteten Hofgütern zusammengeführt wurde. 1860 verkaufte dieser das Landgut an die Familie Reiß. Der Geheime Kommerzienrat Ludwig Ferdinand Otto Reiß bewohnte mit seiner Familie das Landgut und ließ im Laufe der Jahre ein exotischer Park anlegen.

Einer der Söhne aus der 10-köpfigen Kinderschar war Rudolf Archibald Reiß (1875-1929). Nach dem Schulbesuch studierte er an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Doch schon 1895 wechselte er an die Universität nach Lausanne,  nahm ein Chemiestudium auf und promovierte 1898 zum Doktor der Naturwissenschaften. Sein Hauptaugenmerk diente der wissenschaftlichen Anwendung der Photographie im Bereich der Medizin und Gerichtsmedizin. Um seine Erkenntnisse über die Verwendung der Photographie im polizeikriminologischen Bereich zu vertiefen, begab er sich zum Studium nach Paris zum bekannten Alphonse Bertillon. Nach seiner Rückkehr 1902 lehrte er an der Universität Lausanne „Die kriminalistische Photographie“ und legte damit den Grundstein für die „wissenschaftliche Polizeimethoden“. 1906 wurde er wegen seiner Verdienste zum außerordentlichen Professor für Polizeiwissenschaft an die Universität Lausanne berufen.

Reiß erkannte durch seine wissenschaftliche Arbeit und Forschungsergebnisse, dass man in der Verbrechensbekämpfung sich nicht auf den Kommissar Zufall und den Spürsinn einzelner Kriminalbeamter verlassen dürfe. Deshalb setzte er sich für die Einrichtung eines Instituts für Polizeiwissenschaft ein, um dort Experten ausbilden zu können. 1908 konnte er ein solches Institut an der Universität Lausanne einrichten. Aus Rußland, Rumänien, Serbien, Griechenland, ja sogar aus Brasilien wurden Staatsanwälte Untersuchungsrichter und Polizeibeamte zu seinem Institut beordert. Auch reiste er in diese Länder und richtete technische Untersuchungsinstitute ein.

Im Ersten Weltkrieg stellte er sich gegen die Donaumonarchie und beschrieb die Leiden der Zivilbevölkerung in Serbien und Griechenland. Er sammelte Geld und Hilfsgüter für die leidgeprüfte Zivilbevölkerung, was zu zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen führte. Er ging sogar soweit, dass er 1919 nach Belgrad übersiedelte und in den Dienst der Regierung trat. Er unterstellte die Polizei dem Innenministerium,  führte wieder das Strafregister ein und Fingerabdrücke wurden zur Pflicht bei der Polizeiarbeit.

Er hatte mehrere europäische Notenbanken hinsichtlich der fälschungssicheren Prägung von Banknoten beraten. Zahlreiche Bücher der Verbrechensbekämpfung und Nachschlagwerke der Polizeiarbeit stammten aus seiner Feder, unzählige Kongresse hatte er geleitet. Mit Orden und Ehrenzeichen wurde er geradezu überschüttet.

Die sprichwörtliche Arbeitswut hinterließ natürlich auch ihre Spuren, so dass er plötzlich 1929 an einer Gehirnblutung in Serbien verstarb. Belgrad ordnete seinem Ehrenbürger ein Staatsbegräbnis an. Sein Herz wurde in die Kapelle auf dem Schlachtfeld von Xajmakcalan überführt. Ein berühmter Kinzigtäler hat das Irdische hinter sich gelassen.

Hofgut Hechtsberg


Was verbirgt sich hinter der Schwarzwälder-Apparate-Bau-Anstalt?


Nahezu keiner kann sich was unter der Schwarzwälder-Apparate-Bau-Anstalt vorstellen, aber nahezu jeder kennt noch die Weltfirma SABA als Radio-, Fernseh- und Tonbandhersteller, die mal 35% des deutschen Marktes beherrschten. Wie alle Unternehmen im Schwarzwald stand am Anfang ein Tüftler, der seine Familie ernähren musste. So auch bei SABA.

Joseph Benedikt Schwer  (1770-1858) gründete 1835 ein Uhrenfabrik in Triberg. Dies schien ihm ein lohnendes Geschäft, da es in jener Zeit im Amt Triberg 668 Uhrenbaumeister tätig waren, die Zulieferteile für die Uhrenherstellung brauchten. Tatsächlich sind ihm zahlreiche Verbesserungen an Werkzeugen für den Uhrenbau gelungen. So auch eine Zange zu einer präziseren Herstellung des Blechankers, einem wichtigen Bestandteil jeder Uhr.

Sein Sohn, Benedikt (1803-1874), übernahm die Werkstatt, baute als Uhrmachermeister 1855 Uhren neben dem Uhrenzubehör, die er bis Norddeutschland verkaufte. Dessen Sohn, August (1844-1912), trat 1864 in das kleine Unternehmen ein und gründete 1865 aus dem „Produktionsbetrieb für Uhrenteile und Fahrradglocken“ die Firma „Schwarzwälder-Apparate-Bau-Anstalt“. Denn er weitete die Produktion aus und produzierte Jockeles Uhren, Nachtuhren, Pendulen und Kaminuhren aus Marmor.

Vor seinem Tod 1912 übernahm Sohn Hermann (1877-1936) 1905 die elterliche Firma und baute diese zur Metallwarenfabrik um. Große Neuheit waren Fahrrad- und Türglocken, die wegen ihrer hervorragenden Qualität in Europa bekannt waren. Trotz des Ersten Weltkriegs erkannte Schwer, dass er im beengten Tal in Triberg keine Erweiterungsmöglichkeiten hatte. 1918 kaufte er die „Waldmühle“, ein ehemaliges Landgasthaus in Villingen als neue Produktionsstätte und verließ Triberg. Ende 1918 hatte er schon 78 Mitarbeiter beschäftigt und sein „Waldmühle“ waren wegen seinen Glocken schon bald als „Schellenmühle“ bekannt.

1919 wurde die neue Firma beim Registergericht eingetragen, die dann als „SABA“ weltbekannt wurde. Hermann Schwer hörte Anfang der 20er Jahre in der Schweiz in einem Rundfunklabor eine Radioübertragung. Für in war klar, dass der Rundfunk, der 1923 in Deutschland begann, eine große Zukunft hatte. Erste Produkte folgten schon 1923: Kopfhörer für Radiogeräte, Heizwiderstände, Spulen, Schalter, Trichterlautsprecher alles in höchster Qualität. 1926 folgten Radiobausätze und ein Jahr verließen komplette Radiogeräte das Werk. 1935 war schon ein Marktanteil von 10% und  1935 von 35% erreicht.

Im Zweiten Weltkrieg wurde wie alle Betriebe die Produktion auf die Rüstungsproduktion umgestellt und nach dem Krieg überbrückten Kinderspielzeug unter anderem die schwierige Zeit. Erst 1947 wurde wieder mit der Produktion von Radiogeräten begonnen werden. 1949 wurde SABA in eine GmbH umgewandelt. Da die Erben, die Söhne der einzigen Tochter Margarete, Hermann und Hans-Georg, noch zu jung waren, übernahm der Stiefvater die Geschäfte, die mit dem Radioverkauf an die Vorkriegserfolge anknüpfen konnte. Ein Misserfolg war die Produktion von Kühlschränken, die erst 1957 endlich eingestellt wurde. Im letzten Moment wurde noch der Sprung in die stark aufkommende Fernsehgeräteproduktion geschafft.

1961 konnten die Enkel von Hermann Schwer die Führung übernehmen: Hermann als kaufmännischer und Hans-Georg als Technischer Geschäftsführer, was sich als Expansionsschub erwies. Es kamen nun die Tonbandgeräte in einem Werk in Friedrichshafen noch hinzu. Größer und breiter wurde die zur Spitzenklasse gehörende Produktionspalette. Dabei drückten die preiswerten Produkte aus Südost-Asien auf die europäischen Märkte. So geriet Ende der 1960er Jahre das Unternehmen in finanzielle Schieflage.

Im Jahr 1980 wurde das Unternehmen an den französischen Thomson-Konzern verkauft. 2005 existierte nur noch die Marke SABA, die dann 2016 gelöscht wurde.

Schwer Hermann 1877-1936