Freitag, 3. April 2026

Was verbirgt sich hinter dem roten Bollenhut?

Der Bollenhut ist ein Strohhut, der seit etwa 1800 zur Tracht in drei Dorfgemeinden getragen wird: Gutach, Reichenbach (Ortsteil von Hornberg) und Kirnbach (Ortsteil von Wolfach). Die drei Dörfer gehörten zum Herzogtum Württemberg und waren seit 1534 evangelisch inmitten von katholischen Gemeinden.

Unverheirateten Frauen tragen die Bollen rot, bei verheirateten schwarz. Den roten Bollenhut dürfen Mädchen erstmals bei der Konfirmation bis zur Hochzeit tragen. Bei der Hochzeit wird die Hochzeitsschäppel getragen und danach der schwarze Bollenhut.

Der ursprüngliche Bollenhut betrug etwa 500 g und wuchs im Laufe der vielen Jahre auf bis zu 2 kg an. Der breitkrempige, weißgekalkte Strohhut trägt 14 auffallende, kreuzförmig angeordnete Bollen aus roter Wolle. Sichtbar sind nur 11 Bollen, weil 3 von darüberliegenden verdeckt werden. Unter dem Bollenhut wird eine schwarze seidene Haube getragen, die unter dem Kinn gebunden wird. Kleine Mädchen und alte Frauen tragen nur die Haube. Mittlerweile wird der Bollenhut mit Tracht noch zu Festtagen und bei Brauchtumsveranstaltungen getragen.

Fälschlicherweise wird der rote Bollenhut außerhalb des Schwarzwaldes als Schwarzwaldtracht eingestuft. Dies ist den vielfältigen Veröffentlichungen der farbenträchtigen Tracht durch verschiedenen Künstlern zu verdanken, wie von Charles Lallemand Ende der 1850er Jahre, Ludovico Wolfgang Hart, der 1864 die ersten Fotografien veröffentlichte oder  ab Ende der 1870er Jahre durch die Gutacher Künstlerkolonie mit Wilhelm Hasemann, Curt Liebich und Fritz Reiss. Dazu kam die Großherzogin Luise von Baden, die um die Jahrhundertwende bei ihren Schwarzwaldbesuchen  fälschlicherweise den roten Bollenhut trug. Den Rest zur Verkitschung trug der Film “Schwarzwaldmädel” aus dem Jahr 1950 bei. So wurde der Bollenhut immer mehr als Werbemittel für den gesamten Schwarzwald verwendet, leider bis hin zur Geschmacklosigkeit. Eine kleine Auswahl der Stilblüten von Werbeagenturen aus meiner Sammlung: "Schwarzwald Kitsch".

Ostergrüße einer Möbelfabrik, Gästebegrüßung im Steigenhaus in Höllsteig, IHK Zeitschrift “Im Südwesten”, Kreisverkehr vor Räucherei Schwarzwaldhof in Blumbeg, Osterhase aus St Georgen Genusswerkstatt, Hauben für Golfschläger, Inserat der Firma Presswerk Oberkirch, Werbung von Bofrost, Parkplatzverschönerung in Triberg. Oh, Schwarzwald: Sehnsucht Heimat!