Freitag, 27. September 2024

Was verbirgt sich hinter Ernest Hemingways Aufenthalt in Triberg?

Hemingway 1899-1961

Ernest Hemingway, der bekannteste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, wurde am 21.7.1899 in Oak Park Illinois geboren und starb am 1.7. 1961 in Ketchum Idaho.1953 wurde der bekannte Schriftsteller mit dem Pulitzer Preis und ein Jahr später mit dem Literatur Nobelpreis ausgezeichnet. 1922 war der Journalist für den Kanadischen „Toronto Star“ als Korrespondent nach Paris gegangen. Da zog es den begeisterten Forellenangler mit seiner Frau und dem Ehepaar Bird während dem stickig heißen August aus Paris in den Schwarzwald, um eine Forellenwanderung von Tal zu Tal zu machen. Soweit die Vorstellung der Reisegruppe.

Von Freiburg kommend wurde die Anreise nach Triberg mit dem Zug gemacht, bei dem sie eine fünfstündige Eisenbahnfahrt mit zweimal Umsteigen und vier Stunden im Gang stehen auf sich nehmen mussten, während dicke und unglückliche Deutsche und ihre dicken gelockten Frauen sich immer wieder mit unbekannter Absicht und ständig um Entschuldigung bittend an uns vorbeidrängelten. Der Schwarzwald sei nicht schwarz, wie der Namen vermuten lässt. Er besteht aus einer Bergkette, die von Eisenbahnstrecken, Tälern voller fruchtbarer Kartoffeläcker, Weideland, braune Schwarzwaldhäusern und kieselgründigen Forellenbächen durchzogen sind, allenthalben erblickt man riesige Hotels, betrieben von germanisierten Schweizern, die es in der Kunst, aus einem Metzger-Beefsteak vier zu machen, zu wahrer Meisterschaft gebracht hatten.

In Triberg angekommen, beeindruckt die aus einer einzigen, von steilen Hotels gesäumten steilen Straße. Es liegt in einem steilen Tal, durch das  im Winter eine kühle Brise wehen soll. Logiert wurde in der Königssuite im größten Hotel von Triberg, dem “Parkhotel Wehrle“. Durch die Inflation in Deutschland damals bedingt, bezahlte Hemingway umgerechnet 37 Cents pro Nacht. Aber so leicht einen Anglerplatz in Triberg zu finden, wie es in der kanadischen Provinz möglich war, ging hier nicht. Durch Vermittlung des Hoteliers, Paul Wehrle, bekam Hemingway ein Fischwasser von einem Freund des Hauses zur Pacht überlassen. Aber was die Angler nicht bedachten, war die deutsche Bürokratie, denn es war eine polizeiliche Genehmigung zum Fischen einzuholen. Die Folge war eine zweitätige Odyssee durch die Amtsstuben des Großherzogtum Badens. Um die Erlaubnis zum Fischfang zu erhalten, begab sich Hemingway schließlich mit Bill Bird zum Amtssitz des Bürgermeisters Johann de Pellegrini in Triberg.

Als sie schließlich in einer Schlange wartend zum Bürgermeister vorgelassen wurden, brachten Hemingway sein Anliegen vor: „Bitte Herr Bürgermeister. Wir wollen der Fischkarten. We wollen to gefischen goen“. Der Bürgermeister kurz und bündig:“Nix, nein!“ und zeigte streng auf die Tür. Unter der Hand wurde den beiden mitgeteilt, sie sollten sich im Nachbarort Nußbach um Fischkarten bemühen. Es kam wie es kommen musste, die beiden Frustierten gingen halt ohne Genehmigung zum Fischen und machten zwei Tage reiche Beute. Am dritten Tag plagte doch das schlechte Gewissen. Man begab sich nach Nußbach und fand den Bürgermeister nach längerem Suchen in einem Schuppen gegenüber dem Friedhof.

Hemingway berichtet: „Mr Bird spricht deutsch, aber er glaubt, er könnte es nicht. Ich spreche kein Deutsch, denke aber, dass ich es kann. Deswegen führe ich das Gespräch, obwohl mein Deutsch darin bestünde, dass ich Englisch mit italienischen Akzent spreche.“ „Ve wishen der Fischkarten“ sagte ich mit einer tiefen Verbeugung. Der Bürgermeister sah über seine Stahlbrille und sagte: „Ja!“ „Ve wischen der Fischkarten comme ca“, sagte er nochmals und zeigte eine Landkarte mit dem gewünschten Fischwasser. „Ja“, sagte der Bürgermeister: „Das ist gut Wasser!“. „Can we gefischen in it“, fragte ich. „Ja“ kam die abermalige Antwort des Bürgermeisters. So verbrachten die beiden die restlichen Tage in Triberg und fischten in der Gutach, im Vordertalbach und Elz auch mal mit und mal ohne Genehmigung.

Trotz alledem wurde an den Triberger Wasserfällen für seinen Urlaub in Triberg eine Plakette oberhalb der Obervogt-Huber-Tanne auf einem Felsbrocken angebracht.


Freitag, 20. September 2024

Was verbirgt sich hinter der Kapelle im Tennenbachtal?

Kloster Tennenbach

Wer von Emmendingen auf den Hausberg, dem Eichberg, wandert hat von der 43 m hohen Kanzel einen herrlichen Rundblick über den Schwarzwald, Vogesen und den Schweizer Jura. Beim Blick zum Hühnersedel fällt einem eine einsame Kapelle am Straßenrand im breiten Tennenbachtal auf. Diese Kapelle ist das einzige Überbleibsel eines mächtigen Klosters.

Das Zisterzienserkloster Tennenbach wurde um 1160 auf Initiative von Kloster Friensberg in der Nähe von Bern vom späteren Abt Hasso gegründet. Es entwickelte sich zu einem der bedeutendsten und größten Klöster im südwestdeutschen Raum. Ihm unterstanden die Zisterzienserinnenklöster Güntersthal, Lichtenthal, Wonnethal und Friedenweiler.

1723 zerstörte ein Brand viele Gebäude des Klosters. Allerdings trieb damals Abt Leo Münzer den Wiederaufbau des Barockklosters stattlicher denn je voran.  Doch schon 1782 war das Kloster von einer Aufhebungswelle des Kaisers Joseph II betroffen, wie alle vorderösterreichischen Klöster. Doch der mächtige Abt konnte dies bei einem Besuch in Wien abwenden. Aber nachdem die Säkularsierung als Entschädigung für den Verlust der linksrheinischen Gebiete beschlossen  worden war, hat das Großherzogtum Baden die Aufhebung des Klosters 1806 vorangetrieben.

Die 20 Ordensgeistliche und Laienbrüder verließen das Kloster, obwohl ihnen Wohnrecht zugesagt war. Der Großteil ging nach Kärnten und der Rest betätigte sich als Pfarrer und Lehrer in der Umgebung. Die Bibliothek wanderte 1809 zur Universität Freiburg, die Besitztümer des Klosters wurde verkauft. Dagegen war die großräumige aber abgelegene Abtei völlig unverkäuflich und damit ein schwerer Ballast für den badischen Domänenetat. Auch die Verpachtung als Strohmanufaktur oder Ähnliches, alles zerplatze wie Seifenblasen, als es um die Finanzen ging.

Wenn gar nichts geht, Soziales geht immer: Nach der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 wurde die Region Aufmarschgebiet gegen Frankreich. Österreicher, Badener, Württemberger und Russen alles war da. Es diente 1813/14 als Lazarett, ebenso wie 1815 nach der Schlacht von Waterloo, als die Soldaten zurückfluteten. Gleichzeitig entwickelte sich in den leerstehenden Gebäuden die „Thennenbacher Colonie“ d.h. eine Bettler- und Asozialensiedlung, die sich zum Schrecken der Umgebung entwickelte. Bis 1835 wurde die Siedlung mit Gewalt geräumt,  die Personen notfalls nach Amerika abgeschoben, bis die Gebäude leerstanden. Diese wurden anschließend  demoliert und auf Abbruch versteigert. Das Tennenbacher Münster  wurde Stein für Stein abgebrochen und wieder als evangelische Ludwigs-Kirche in Freiburg aufgebaut. Sie sank 1944 nach einem Bombenangriff in Schutt und Asche.

Dass die abseits stehende gotische Kirchhof- oder Krankenkapelle als einziges Gebäude der Nachwelt erhalten blieb, war dem Umstand zu verdanken, dass der Erwerber sie nicht bezahlen konnte. Nach ihrer Entweihung 1836 diente die 1310 erbaute Kapelle als Geräteschuppen trotz aller Proteste des erzbischöflichen Ordinariats. 1898 wurde sie von Stadtpfarrer Sachs aus Emmendingen restauriert, ebenso 1957 renoviert.

Die der Muttergottes geweihte Kapelle zeigt über dem Eingang das Wappen des Abtes Antonius und die Jahreszahl 1721. 2011 wurde die „Schwarze Madonna“ feierlich aufgestellt. Sie stammte aus dem alten Kloster. Die Kapelle wird vorwiegend für Hochzeiten genutzt.

Kapelle Tennenbach 


 

 

 

Freitag, 13. September 2024

Was verbirgt sich hinter dem Hochschulort Schramberg?

R. Nacken 1884-1948

Sicherlich ist es für jede Stadt ein Wunsch oder eine besondere Auszeichnung, ein Hochschulstandort zu sein. Was sicherlich die wenigsten Leute wissen, war Schramberg in der Zeit von 1943-1948 ein Hochschulstandort: Das Mineralogische Institut der Universität Frankfurt unter Professor Dr Richard Nacken (1884-1971) war kriegsbedingt in den Räumen der H.A.U., Firma Junghans, untergebracht. Professor Nacken beschäftigte sich mit der hydrothermalen Mineralsynthese zur künstlichen Herstellung von Quarzen und Edelsteinen.

Das Oberkommando des Heeres hatte größtes Interesse an der Quarzforschung, denn die bisherigen Quarze kamen aus Südamerika, um die Probleme beim Nachschub zu umgehen, waren die künstliche Quarzforschung so wichtig. Quarz wurde als Frequenzstabilisator in Funkgeräten oder Radios verwendet,  da sie weitgehend hitze- und staubresistent sind. Deswegen übernahm der Reichsforschungsrat die Förderung der nunmehr als geheim eingestuften Arbeiten. Nach einem Jahr waren die ersten Kristalle künstlich gezüchtet. Nun wurden die Grundlagen der industriellen Quarzsynthese gelegt. Mittlerweile  standen das Institut und die Mitarbeiter unter dem Schutz von Rüstungsminister Albert Speer.

Wie es schon manche deutsche Großstadt getroffen hat, luden am 4. Oktober 1943 hunderte alleierte Bomber ihre Fracht über Frankfurt ab und legten ganze Stadteile in Schutt und Asche. Nicht getroffen wurde das Mineralogische Institut der Universität. Für dessen Leiter, Dr Nacken, war aber klar, dass er schleunigst diese Stadt mit seinem Institut verlassen musste.

Schramberg wurde aus verschiedenen Gründen ausgewählt: Das Atomprogramm wurde von Albert Speer in den Südwesten evakuiert, denn die Wissenschaftler wollte alle wegen einer eventuellen Niederlage im Westen sein, um im Osten den Russen nicht in die Hände zu fallen. Junghans war führend in der Rüstungsindustrie, Direktor Junghans war zum Wehrwirtschaftsführer aufgestiegen, das Unternehmen hatte seit 1941 ein umfassendes Stollensystem angelegt.

Die Wissenschaftler waren mittlerweile in der Lage, in vier Wochen ein Kristall von einem Kilogramm Gewicht zu züchten. Die Erfolge sprachen sich in den Fachkreisen herum, denn die Firma Telefunken interessierte sich für den Kauf der Patenten und die mögliche Industrieproduktion, die der konzerneigenen Leuchtstoff-Gesellschaft. Die Leuchtstoffkristalle könnten in der Radartechnik verwendet werden. Andererseits erschwerte der Vormarsch der Alliierten 1945 die Arbeit zusehends: Es fehlten immer wieder Materialien. Bis im April 1945 die französischen Panzer in Schramberg einrollten.

Die Alliierten, vor allem aber die Franzosen, wussten um die Bedeutung der Quarzsynthese und wollten diese für die Radiotechnik nutzen. Dr Nacken sollte das Institut für Hydrothermalsynthese wieder wie vor dem Kriege aufbauen, was auch geschah. Im August 1946  wurde Dr Nacken als Professor an die Universität Tübingen berufen. Gleichzeitig wollte er in Tübingen ebenfalls ein Institut für hydrothermale Mineralsynthese aufbauen. Als die französische Militärverwaltung dies bemerkte, da in Schramberg Geräte für Tübingen reserviert wurden, wurde Dr Nacken als Institutsleiter abgesetzt, durfte die Anlage nicht mehr betreten. Sein Stellvertreter wurde als neuer Leiter eingesetzt. In der weiteren Folge wurde die Forschungsstelle abgewickelt und mit Immanuel Franke als Leiter 1948 nach Paris verlagert.

 

Freitag, 6. September 2024

Was verbirgt sich hinter den kleinen Heuhütten in den engen Murgtal-Tälern?

Heuhütten bei Obertsrot Ätzenbach

Nach den gewaltigen Verheerungen des 30-jährigen Krieges war die stark verminderte Bevölkerung im Schwarzwald nicht in der Lage, den Bevölkerungsausfall aus eigener Kraft zu ersetzen. Dies übernahmen die Schweizer und Tiroler Alpen, die von diesem weniger berührt waren. Überbevölkerung und falscher Glauben trieb die Bevölkerung aus ihren Alpentälern. Beispielsweise hat Erzherzog von Steiermark, Kärnten und Krain 1598 auf Anraten der Bischöfe ein Edikt erlassen, das die Untertanen vor die Wahl stellte, innerhalb von zwei Jahren zum Katholizismus zurückzukehren oder ihr Hab und Gut zu verkaufen und untern Abzug von 10 % vom Erlös auszuwandern.

Im Nordschwarzwald lagen ergiebige und unberührte Wälder, die genutzt werden wollten. Dem rauen Klima und mageren Boden waren die Entbehrung gewohnten Alpenländerbewohner noch am ehesten gewachsen gewesen. So kamen sie vor allem als Holzfäller, Flößer, Glasmacher, Pottaschebrenner und als Bergleute. Sie haben bei der Erschließung und Besiedelung entlegener Schwarzwaldtäler ihren Anteil. Das galt auch für das Murgtal, in dem zahlreiche Tiroler Einwanderer festgestellt wurden. Schon bei der Gründung von Freudenstadt 1599 kamen die Neusiedler aus der Steiermark und Kärnten.

Im 18. Jahrhundert veränderte sich mit zunehmender Bevölkerung die Nachfrage nach Holz,  zum einen nach Scheiter- oder Klafterholz als Brennholz zum anderen von Langholz zum Bauen und darunter vor allem die „Holländer“ für den Schiffsbau und Bau von Hafenanlagen. Überall wurden Bäche und Flüsse floßbar gemacht, um die Nachfrage zu befriedigenden. Nicht zu vergessen die zahlreichen Sägewerke, die die Bretter als Oblast auf den Flößen sägten. Ganze Familien lebten nur von der Arbeit mit und vom Holz. Es waren besonders die großen Flößergesellschaften, Dürr in Rastatt, die Calwer Companie und die Murgschifferschaft, die „billige Arbeitskräfte“ in diese unwirtschaftliche, abgelegenen, dem Urwald gleichenden Gegend, heranzogen und sie daselbst sesshaft machten.

Während die Männer der harten Arbeit mit dem Holz nachgingen, sorgten die Frauen, dass wenigstens ein karges Mahl auf den Tisch kam. Auf ihren kleinen Parzellen, die mühsam dem Wald abgerungen wurden, konnte selten Ackerbau betrieben werden. Die Böden waren steil und karg, die Wiesen mager. Die Steinbrocken wurden für Trockenmauern verwendet. Für die Beweidung des Viehs waren die Wiesen zu steil. So wurden sie nur für die Graswirtschaft bearbeitet, um eine oder zwei Ziegen und vielleicht eine Kuh durchzufüttern. Ihre kleinen Behausungen eigneten sich nicht für den Heuvorrat. Deswegen wurden in den engen, steilen Seitentälern kleine Heuhütten aus Holz erbaut. Die Bauweise der Hütten stammt ursprünglich aus Tirol und wurde von Einwandern mitgebracht. Hier lagerte das Heu, bevor es im Winter mit einem Schlitten oder auf dem Rücken in einem hölzernen Tragekorb wieder ins Tal gebracht wurde.

Da die Heuhütten seit den 60er Jahren nicht mehr gebraucht wurden, die Heuhüttentäler nicht mehr bewirtschaftet wurden, sind die Hütten leider dem Verfall preisgegeben. Findige Großstädter kauften Wiesengrundstücke auf und bauten die Hütten zu Freizeitdomizilen aus. Nach langem Streit mit den Behörden verpflichteten sich die neuen Hüttenbesitzer, die Wiesen zu mähen, die Hütten rückzubauen, nur den Innenraum umzugestalten, dass nur ein vorübergehender Aufenthalt möglich war. Auch das Gericht stellte fest, keine Freizeitnutzung für die Heuhütten. Auch durch engagierte Hilfe von Freiwilligen,  Ehrenamtlichen und Bewohnern wurden einige Täler mit Ziegen von Baumbewuchs freigehalten. Die Heuhütten als Kulturgut stehen unter besonderen Schutz. Eine Sanierung wird mit 30% bezuschusst. Und so ist es in verschiedenen Seitentälern des Murgtals möglich, dass die Wanderer sich an dieser Besonderheit noch heute erfreuen können.

Freitag, 30. August 2024

Was verbirgt sich hinter der Strohflechterei in Schonach?

 


1716 erwähnte das Badische Landesgewerbeamt erstmals den Strohhut bei der Frauentracht als Kopfbedeckung anstatt dem Filzhut, denn die Strohflechterei als Hausgewerbe war eine Möglichkeit des  zusätzlichen Verdiensts. Auf dem kargen Schwarzwald mussten viele hungrige Mäuler gestopft werden. 1759 schickte Fürst Wilhelm Ernst zu Fürstenberg seinen Obervogt in Neustadt, Josef Lamberger, zur Kontrolle auf die Höfe, um die Fortschritte bei der Strohflechterei zu kontrollieren. 1806 schlug der Obervogt von Triberg, Theodor Huber, als Vorderösterreichischer Beamter, einen anderen Weg ein. Mit seiner Frau ging er auf die Höfe, um die Strohflechterinnen zu unterrichten. Das Ehepaar Huber hatte sich ihrerseits in der Verwendung des feinen italienischen Strohs und Werkzeuge im Ausland kundig gemacht und kaufte die Waren anfänglich zu festen Preisen auf, um eine höhere Qualität durchzusetzen. Allerdings bedeutete das, dass das Korn unreif geerntet werden muss, um das Stroh für feinere Flechtarbeit zu bekommen. Aber das rief den Widerstand der Bauern hervor.

1810 waren schon 1.500 Mädchen und Frauen mit der Heimarbeit des Strohflechtens beschäftigt. Die Strohbänder wurden von anderen Familien aufgekauft und zu –hüten, -taschen und Strohschuhen verarbeitet. Die eine oder andere Glasträger Companie nahm die Stroherzeugnisse mit, um den Absatz weiter zu streuen. 1850 gründete Robert Gerwig als Leiter der Uhrmacherschule die Strohfelchtschule. Erste Strohflechterin war Colestine Eisele.

1863 wurde in Schonach von L.F. Sauter eine Strohhutfabrik gebaut, die eine der bedeutensten des Schwarzwalds wurde. Sieben Jahre später wurden wöchentlich alleine 1200 Geflechttaschen ausgeliefert.1882 gründeten neunzehn Strohhutfirmen und Geflechthändler einen Verband zur Unterstützung der Strohindustrie, Ausstellungen mit neuen Kollektionen und Fördermittel vom Staat, um sich gegen die Importware aus China und Japan zu erwehren. Aber der Staat ließ die finanzielle Unterstützung 1904 auslaufen. Die Geflechtschule in Schonach unterrichtete unter immer schwierigeren Bedingungen bis in den 1920er Jahre das Aus kam.

Auch bei der Strohhutfabrik Sauter musste die Belegschaft immer wieder der sinkenden Nachfrage angepasst werden. Trotz allen Schwierigkeiten hatte die Tochter Annemarie Sauter das Unternehmen bis 1992 weitergeführt. Fasnachtsartikel mussten die immer größere werdende Lücke füllen. Dann war Schluss mit der letzten Strohhutfabrik im Schwarzwald.

Aber im Laufe der Jahre hat Dank der Heimat- und Trachtenvereinen ein Umdenken stattgefunden: Zurück zum Erhalt und Wiederbelebung der Traditionen. Seit 2011 können die Schülerinnen und Schüler der Natur-Park-Schule in Schonach Unterricht im Strohflechten nehmen. Im Schulgarten wird zusätzlich Roggen angepflanzt, geerntet und getrocknet. So wird ein ehemals wichtiges und traditionelles Gewerbe des Schwarzwalds mit seiner Bedeutung für die Nachwelt erhalten. Zusätzlich wurde 2016 ein Förderverein „Schwarzwälder Strohmanufaktur Schonach e.V.“ gegründet. Der Förderverein arbeitet in der Schule aktiv mit.

Die Gebäude der ehemaligen Firma Sauter sollten 2015 abgerissen werden, da das Material baufällig geworden war, und die Gemeinde das Areal gekauft hatte. Aber das Denkmalamt machte einen Strich durch die Rechnung und wehrte sich gegen den Abriss. 2019 legte der Förderverein ein Konzept vor, dass zuerst wie von der Gemeinde vorgeschlagen, das Anwesen Drogerie Sperl hergerichtet werden soll. Dann werden aus der alten Strohhutfabrik Sauter die Maschinen, Gerätschaften und Materialien aufbereitet werden, um anschließend in das Anwesen Sperl umzuziehen. Dort soll dann alles systematisch als Museum aufbereitet werden: Vom Flechten, der Nähstube bis zur Hutpresse sollen alle Arbeitsprozesse erlebbar gemacht werden. 

Strohhut Triberg unlackiert





Freitag, 23. August 2024

Was verbirgt sich hinter dem Hörnleberg über dem Elztal?


Der Hörnleberg über dem Elztal ist ein 906 m hoher Ausläufer des Rohrhardbergmassivs, auf dem eine Wallfahrtkapelle liegt, die „Kapelle unserer Lieben Frau vom Hörnleberg“.

Wie so oft liegt die Entstehung des Wallfahrtsorts im Dunkel der Geschichten. Angeblich soll ein erblindeter Elsässer, der das Gelübde ablegte, am Berg, den er zuerst sähe, zu Ehren Mariens eine Kapelle zu bauen. Mehrmals sah er in der aufgehenden Sonne über dem Hörnleberg die Mutter Gottes mit dem Kind. Er wollte unterhalb des Gipfels die Kapelle bauen, doch immer wieder wurde das Baumaterial nachts auf den Gipfel getragen, so dass die Kapelle im 8. oder 9. Jahrhundert hier oben erbaut worden sei. Andererseits berichtet eine Notiz von 1787 in der Registratur des Erzbischöflichen Archivs, dass nach alter Tradition auf dem Hörnleberg einst ein Götzentempel gestanden habe, der vor tausend und sechzig Jahren (also 727) der Bischof zu einer Muttergotteswallfahrt eingeweiht habe.

Urkundlich wird die Kapelle erstmals 1469 im Pfründebesetzungsbuch der Diözese Konstanz als „capelle uf dem Hörnlin“erwähnt. Schon 1513 besteht eine Bruderschaft zu Ehren der Himmelfahrt der allerseligsten Jungfrau Maria, die 1625 vom Konstanzer Bischof Jakob von Fugger von Kirchberg bestätigt worden ist. Noch im gleichen Jahr gewährt Papst Urban VIII der Bruderschaft reiche Ablässe. Die Pergamenturkunde mit Bleibulle wird heute noch im Pfarrarchiv von Oberwinden aufbewahrt.

1639 wurde Wallfahrtskapelle von Söldnerscharen geplündert, verbrannt und nach dem 30jährigen Krieg wieder als Holzkapelle aufgebaut. Ab dann wohnte ein Eremit in der Kapelle, der die Wallfahrt betreute. Die Wallfahrten entwickelten sich mit der Zeit zu einem richtigen Geschäft. So wurde der Konstanzer Bischof Marquard Rudolf bemüht, die Triberger Wallfahrtsverhältnisse zu überprüfen, weil die Wallfahrtseinnahmen auf dem Hörnleberg, das zum Kloster Waldkirch gehörte, stark zurückgingen. Die Triberger Wallfahrt sollte erledigt werden, was sich aber anders entwickelte.

Mit der Aufklärung unter Kaiser Joseph (1780/90) wurde in den Vorderösterreichischen Landen 1783 sämtliche Wallfahrten und Kapellen verboten, um das kirchliche Leben der Pfarreien zu stärken. Die Gnadenbilder und Votivbilder mussten beseitigt werden. Erst mit dem Tode von Kaiser Joseph und im 19. Jahrhundert wurden die Wallfahrten wieder nach und nach eingeführt, und sie blühen heute noch mehr denn je.

1763 und 1826 wurde die Kapelle wieder mal vom Blitz getroffen. Das Ministerium in Karlsruhe konnte im Zuge der Säkularisierung  1826 den Wiederaufbau verbieten. Aber in der Ruine wurde ein Marienbild aufgestellt, so dass viele Gläubige zum Gebet vorbeikamen. 1851 fand wieder die erste Wallfahrt statt. Anschließend setzte der Wiederaufbau ein. 1883 wurde das heutige Gnadenbild in einer feierlichen Prozession in die Kapelle gebracht. 1888 wurde sie auf die heutige Größe erweitert. 1973 wurde das Gnadenbild gestohlen. 1982 hielt ein Neues feierlichen Einzug mit einer Prozession. 1987 wurde der Kreuzweg eingeweiht. Die Wallfahrtszeit beginnt feierlich immer am 1. Mai und endet Ende November mit dem Christkönigssonntag. Am Samstag ist jeweils Wallfahrtstag und in den Hauptzeiten sonntags Gottesdienst, Beichten oder Rosenkranzgebete.

 

Im Mittelpunkt der Kapelle sowie des 1884 gestifteten Hochaltars steht das Gnadenbild, das Maria als Himmelskönigin mit dem Zepter darstellt. Auf dem Arm sitzt das ebenfalls gekrönte Jesuskind, das einen Reichsapfel hält. An der rechten Seitenwand hängt eine Kreuzigungsszene. An der linken Seitenwand eine Pieta  aus dem Jahr 1884. Verschieden Votivbilder drücken den Dank an die Gottesmutter aus, dass sie in schwierigen Zeiten geholfen hat.

Wallfahrtsbild Hörnleberg 1592


Freitag, 16. August 2024

Was verbirgt sich hinter den Kolonisten im Nordschwarzwald?

 

Ortstafel von Herrenwies bis 1967

Im 18. Jahrhundert veränderte sich mit zunehmender Bevölkerung die Nachfrage nach Holz – Brenn- und Bauholz insbesondere aber die „Holländerstämme“ für den Schiffsbau und Hafenanlagen waren gefragt. Überall wurden Bäche und Flüsse floßbar gemacht, um die Nachfrage zu befriedigen. Aber auch große Mengen Holz zur Glasherstellung wurden benötigt, denn 1735 wurde die Glashütte Herrenwies gegründet. Im Nordschwarzwald lagen riesige und unberührte Wälder zwischen dem oberen Nagold-, Enz- und Murgtal bis hin zur heutigen B 500, die es zu nutzen galt. Die jeweiligen Landesherren wollten Kasse machen, denn sie brauchten Geld für ihre Prachtbauten. Es waren besonders die großen Flößergesellschaften, Dürr in Rastatt 1745, die Calwer Companie, die Murgschifferschaft dazu ihre zahlreichen Sägewerke, die „billige Arbeitskräfte“ in diese unwirtschaftliche, abgelegenen, dem Urwald gleichenden Gegend heranzogen und sie daselbst sesshaft machten. Denn es wurden Holzfäller, Fuhrleute, Flößer, Pottaschebrenner und Säger benötigt. Ganze Familien lebten mit und vom Holz. Sie kamen aus den Alpenländern oder vom Schwarzwaldrand.

Es entstanden die Siedlungen oder Kolonien: In Württemberg wurden die Ankömmlinge, die evangelisch sein mussten, in bestehende Siedlungen aufgenommen oder neue gegründet. Grund und Boden wurde praktisch zur Pacht überlassen. So wurde im oberen Nagoldtal im bestehenden Erzgrube um 1700 Flößer und Holzfäller angesiedelt. 1723 wurde Herzogenweiler und 1725 Kälberbronn gegründet. Im oberen Enztal wurde Poppeltal, Gompelscheuer, Nonnenmiß, Sprollenhaus gegründet. Daneben gab es unzählige Wohnplätze wie Petersmühle, Rohnbach, Rollwasser und Grünhütte in den abgelegenen Wäldern.

In Baden wurden die Kolonisten angesiedelt, mit der Vorstellung diese nach Beendigung der Arbeit wieder los zu werden. Es entstanden 1720 in Reichental, einem Ortsteil von Gernsbach, auf dem badischen Teil von Kaltenbronn die Wohnplätze Dürreychbach, Brotenau und Rombach. Im Gebiet zwischen Murg und B 500 entstanden ab 1720  Raumünzach, Kirschbaumwasen, Fronbronn, Trabronn, Ebersbronn, Schindelbronn und Schwarzenbach. Es waren Forstkolonien, die im tiefen Wald entstanden, wo es am nützlichsten und bequemsten war. Es wurden Blockhütten mit 15 bis 16 Wohnungen für die Arbeitskräfte gebaut. Sie mussten katholischer Religion sein und erhielten je zwei Morgen Wiesen und Ackerfeld, die vom Wald gerodet werden mussten. Grund und Boden gehörte dem Staat, die Hütte dem Bewohner. Dies zeigt schon, dass die Rechtsverhältnisse sehr zweifelhaft waren. Die Arbeitskräfte wurden geduldet und unterstützt, solange man sie brauchte.

Nach dem ersten Fehler, die Arbeitskräfte nicht zu integrieren, wurden Sie dem Forstamt in allen Belangen unterstellt. Auch für Heiraten war das Forstamt zuständig und wurde angewiesen, sehr restriktiv damit umzugehen. Folge waren überdurchschnittlich viele uneheliche Kinder. Erst 1817 wurden die Kolonisten eine Art Staatsbürger, denn sie mussten nun Steuern bezahlen. Das Forstamt war auch weiterhin zuständig für die Ausstellung des Trauscheins. Die Teilung der Güter war verboten. Das Gut konnte nur einem Kind vererbt werden, der Vererber musste 60 Jahre alt sein. Man wollte mit allen Mitteln eine Ausdehnung der Forstkolonien verhindern. Folge war wilden Ehen, Sittenlosigkeit, Liederlichkeit und vermehrt uneheliche Kinder. Wenn möglich kaufte die Forstverwaltung Gütchen auf und ließ die Hütten niederreißen und verschärfte damit die Wohnungsnot. Nach den 1830er Jahren war die Armut und das Elend in den Forstkolonien so groß, dass der badische Staat alles unternahm wie Schuldenerlass  und Bezahlung der Überfahrt, nur um die Bewohner der Forstkolonien loszuwerden.  Erst 1870 wurden die Heiratsbeschränkungen in den Forstkolonien abgeschafft. 1896 bildeten die Forstkolonien eine abgerundete Gemarkung und 1930 wurde diese nach Forbach eingemeindet.

Man staune: 1968 erst verzichtete Baden-Württemberg bei den Kolonisten auf die Kolonistenvergütung (Pacht). Damit wurden sie freie, gleichgestellte Bürger auf freien Gütern, denn die Bodenzinsgüter wurden abgeschafft. Zumeist wurden aus ganz abgelegenen Wohnplätzen Forsthäuser.